9. – 13. Schuljahr

Andreas Hensel

Ästhetik des Grauens

Conspecta est leti facies, cum forte natantem
diversae rostris iuvenem fixere carinae.
Discessit medium tam vastos pectus ad ictus,
nec prohibere valent obtritis ossibus artus,
quo minus aera sonent; eliso ventre per ora
eiectat saniem permixtus viscere sanguis.
Postquam inhibent remis puppes ac rostra reducunt,
deiectum in pelagus perfosso pectore corpus
volneribus transmisit aquas.
(Lucan, Pharsalia 3,653 – 661)
„Da sah man auch eine beispiellos grausige Todesart. Die aufeinandertreffenden Schnäbel zweier Schiffe spießten einen Schwimmer auf. Von dem wuchtigen Aufprall spaltete sich in der Mitte die Brust, die Knochen wurden zermalmt, und sein Leib konnte nicht verhindern, dass Eisen auf Eisen krachte; sein Bauch war zerquetscht, und sein Blut schwemmte Eiterjauche, vermischt mit Organen, aus dem Mund. Als die beiden Schiffe durch Ruderkraft rückwärts fuhren und die Schnäbel zurückwichen, stürzte die Leiche mit durchlöchterter Brust ins Meer, und Wasser durchflutete die Wunden.
(Übers. G. Luck)1
Irritation, Ekel, Verständnislosigkeit, Faszination wie reagieren Leser auf solche Texte? Sollte man derartig grausige, ekelhafte Bilder Schülern zumuten? Werden Jugendliche heute nicht ohnehin schon im Übermaß medial mit Gewaltbildern und Grausamkeiten überhäuft?
In der antiken Literatur finden sich grausige und ekelhafte Darstellungen in großer Vielfalt. Von Homers Epen bis in die römische Literatur der Spätantike werden immer wieder detailliert und mitunter bis ins Groteske gesteigert widerliche Szenen geschildert, wobei der Schwerpunkt auf der Darstellung von Verletzungen des menschlichen Körpers, dem Sterbeprozess, dem Tod und der schließlichen Verwesung liegt. Blut und andere Körperflüssigkeiten, einzelne Extremitäten und Eingeweide sind Hauptmotive solcher Darstellungen. Das langsame Auslöschen des Individuums wird naturalistisch-minutiös geschildert, die Defragmentierung des menschlichen Körpers präzise erfasst.
Einflüsse
Die Kontexte, vor deren Hintergrund sich in der römischen Literatur derartig grausig-ekelhafte Motive entwickelten, sind vielfältig:
  • Literaturgeschichtlich liefern bereits die Werke Homers und der attischen Tragiker entsprechendes Material, wenn auch weniger extrem ausgeprägt als später in Rom. Ein weiteres Vorbild stellt die hellenistische Poesie dar, in der die grausigen Motive bereits detaillierter entfaltet werden.
  • Auch lebensweltliche Bezüge und kulturgeschichtliche Zusammenhänge sind für das Entstehen derartiger Darstellungen ursächlich: Grausame Gewalt und der Tod waren in der antiken Lebenswelt allgegenwärtig. Insbesondere die blutigen Spektakel in den Arenen (Gladiatorenspiele, Tierhetzen) und natürlich Kriegsereignisse lieferten Anschauungsmaterial. Freilich bilden die Darstellungen von Grausigem in literarischen Texten die Realität nicht ab, sondern stellen fiktive Übertreibungen und Stilisierungen dar.
  • In zunehmendem Maße, vor allem in der Kaiserzeit, beeinflussten auch die rhetorische Praxis und der literarische Wettbewerb die immer extremer werdenden Darstellungen grausiger Szenen. Der Wirksamkeit solch extremer Bilder war man sich durchaus bewusst: Quintilian etwa erläutert in seiner Institutio oratoria, dass die genaue Schilderung anatomischer und blutiger Details dem Präsentieren eines schlichten Bildes vorzuziehen sei, da die rhetorisch durchgeformte Schilderung wesentlich wirkungsintensiver sei (vgl. Inst. orat. 6,1,30 – 35).
Die Autoren versuchen sich im Wettstreit mit literarischen Vorbildern, der lebensweltlichen Realität und der rhetorischen Praxis permanent zu überbieten, was schließlich zu absurden, grotesken Steigerungen der Motivik führt. Das Grausig-Ekelhafte wird schließlich zur Manier.
Funktionales Spektrum
Komplex sind auch die Funktionen, die die grausigen Motive in den literarischen Werken haben. Die instruktive Untersuchung von Martin Zimmermann führt u.a. folgende Funktionen grausig-ekelhafter...

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