12. – 13. Schuljahr

Hans-Joachim Glücklich

Körperliche und seelische Grausamkeit in schöner Darstellung

Ästhetische und seelische Wirkungen

Der Beitrag soll die Wirkung der geformten und oft sogar „schönen Darstellung von Grausamkeit der Götter und Grausamkeit der Menschen zeigen. Trägt die Darstellung zur Verherrlichung der Grausamkeit bei oder zum Verständnis oder zur Auseinandersetzung mit Fremderfahrungen oder eigenen Erfahrungen, also zum Verständnis des Lebens und der Menschen?

Die Darstellung grausamer Vorgänge in lateinischen Texten hat verschiedene Aspekte.
Idealismus Naturalismus: verbunden mit dem Begriffspaar Klassik/Klassizismus – Realismus. Geben antike Texte und Porträts und Skulpturen eine Realität wieder oder eine geschönte und schön gemachte idealisierte Welt? „Der sterbende Gallier ist schön, er ist idealisiert und soll den Zuschauer nicht durch Realismus, sondern durch den gedachten Verlust der Schönheit ansprechen.
Humanität Sadismus: Wie weit ist Grausamkeit im Menschen verankert und ihm wesensgemäß? Soll man darstellen, wie der Mensch ist und wie die Welt ist oder wie der Mensch und die Welt sein sollten? Alle Darstellungen schwanken zwischen diesen Polen und neigen mal mehr dem einen, mal dem anderen Pol zu.
Einwirkung des Betrachters und Lesers: Werke der bildlichen Darstellung und der Literatur stehen der Interpretation des Betrachters und Lesers offen. Er kann sie sich schöner machen als sie sind, selbst in verstümmelten Darstellungen das Ganze und die ursprüngliche Schönheit sehen. Niemand sieht beschädigte antike Skulpturen als Horrorkabinett, sondern ergänzt sich verloren gegangene Arme und Beine, sogar Köpfe.
Institutionalisierte und individuelle Grausamkeit: Immer wieder haben Institutionen (z.B. die Inquisition) und Machthaber von der Antike bis zur Gegenwart Grausamkeiten bei Hinrichtungen bewusst öffentlich vollzogen und bildliche Darstellungen sogar gefördert. Die Welt und das menschliche Leben sind voll von Grausamkeit und Gräueln: im Krieg, in der Familie, auf dem Schulhof, auf der Autobahn …
Neue und alte Medien: Horrorfilme, Gruselfilme, Videospiele liefern in Einzelheiten grausame Szenen vom Zersägen von Menschen bis zu fliegenden Köpfen. Das war vor der Ära des Films kaum anders. Kein Heiliger wurde lieber dargestellt als der Heilige Sebastian, dessen Körper, ohne Anstoß zu erregen, nackt dargestellt werden konnte und die erotischen oder homoerotischen Phantasien von Malern anregte; sie stellten die Zerstörung des Körpers durch Pfeile dar oder vermittelten gleichzeitig eine Vorstellung von der Unzerstörbarkeit der Schönheit.
Abhängigkeit von den Medien: Medien haben verschiedene Wege, auf die Seele und den Geist der Betrachter und Leser einzuwirken. Tatsächliches Geschehen wird in Nachrichtensendungen oft verhüllend und verpixelt dargestellt. In Bildern wirken Details und Gesamtkomposition. In der Literatur wirken Details, Gesamtkomposition und die Langsamkeit oder Schnelligkeit des Lesens. Das Bild verführt zur Gleichsetzung von Dargestelltem und Wirklichkeit. Der Maler René Magritte (1898 – 1967) hat genau aus diesem Grund ein Bild gemalt, das den Titel trägt: „La trahison des images, „Der Verrat der Bilder (1929). Das Bild zeigt eine Tabakpfeife mit der Unterschrift: „Ceci nest pas une pipe, „Das ist keine Pfeife.
Literalität und schriftliche Schilderungen grausiger Details: Das notgedrungen langsame Lesen von Texten im Lateinunterricht hat den Vorteil, dass wir Informationen langsam aufnehmen. Dadurch tragen wir immer neue eigene Gedanken heran und es entstehen neue Rezeptionen. Im Fall der Darstellung des Grausamen birgt dies das Problem, dass der Leser sich Grausamkeiten sehr detailliert und plastisch vorstellen und mit seinen eigenen Gedanken verbinden kann.1
Erfahrung, Gewöhnung, Phantasie: In den schwer beschädigten Statuen der Antike wird heute nicht wahrgenommen, dass Venus oder Apoll oder ein Diskuswerfer keine Arme oder keinen Kopf haben,...

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