11. – 13. Schuljahr

Anne-Christine Wünsche

„Splatter in Ovids Metamorphosen?

Zwischen Zensur und Kunstfreiheit

Blutstrotzende Gewaltdarstellungen finden sich heute auch in Mainstream-Medien. Die Schülerinnen und Schüler vergleichen die Rahmenbedingungen und Intention dieser Darstellungen mit denen Ovids und setzen sich mit der Frage auseinander, ob Ovids Erzählungen von Procne, Itys und Tereus, von Pelias oder Pentheus ebenfalls als Splatter eingestuft werden müssten.

Während im realen Alltag der Tod und der Sterbeprozess tabuisiert werden, übt das Thema „Tod und „Sterben in Literatur und Kunst schon seit der Antike eine ambivalente Faszination und Attraktivität aus und die Ästhetik des Grauens hat eine lange literarische und bildkünstlerische Tradition. Der Forschungszweig der Thanatosoziologie, der den Umgang des Menschen mit dem Tod untersucht, diagnostiziert eine paradoxe Diskrepanz zwischen der Verdrängung des realen Todes aus dem öffentlichen Raum und der „medial induzierten Allgegenwart des Todes1 in der gegenwärtigen Medienlandschaft: „In dem Maße, indem [sic!] der Mensch sich vor seinem eigenen Tod fürchtet, interessiert ihn der Tod anderer. Der Tod bedeutet ineins Angst und Faszination.2 Kausal verbunden mit Tod und Sterben ist physische Gewalt, als deren Folge der Tod eintreten kann. Dabei gehört nach Meinung vieler Forscher Gewalt als conditio humana untrennbar zum Menschsein.3
Edmund Burkes Theorie vom Erhabenen
1757 konstruierte der Philosoph Edmund Burke in seinem Essay „A Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful einen Zusammenhang zwischen dem Schmerz und der Idee des Erhabenen. Wenn der Schrecken bzw. die Angst vor dem Schmerz, den Schreckliches bei uns auslösen kann, uns nicht direkt tangiere – das Schreckliche als bloße Nachahmung wahren Schreckens –, sei er mit Lust (Frohsein) vermischt. Burkes Ansicht nach ließen sich Erhabenheitsgefühle durch alle Objekte auslösen, welche Schrecken hervorrufen können (z.B. Dunkelheit, Schmerz und Tod, lichtlose Finsternis, vollkommene Leere u.a.).
In dieser Unterrichtssequenz dient die kontrovers diskutierte Theorie dazu, ein Erklärungsmodell für die Faszination und Attraktivität, die Tod und Gewalt auf den Menschen ausüben, vorzustellen und den Wirkmechanismus dieser Theorie anhand der vorgestellten Textbeispiele zu überprüfen.
Splatter Kunst oder „kranke Scheiße?
In der heutigen Medienlandschaft bedienen sich viele Genres der stimulierenden Wirkung des Schreckens in Form von extrem gewaltverherrlichen Darstellungen – als Zeichen von jugendlicher Rebellion und Protest gegen bürgerliche Werte und Normen, als extreme Form des Eskapismus oder aus rein kommerziellen, verkaufstechnischen Erwägungen. Exemplarisch genannt seien die „Splatter-Filme, deren blutstrotzende Gewaltdarstellungen beim Zuschauer visuelle oder akustische Schockreaktionen hervorrufen.
Seit den 1980er-Jahren setzt auch zunehmend der Mainstream-Film „Splatter-Elemente wie drastische Inszenierungen von Verstümmelungen und Tötungen als ästhetische Strategie ein. Die quasi-naturalistische Darstellung der Gewaltexzesse ruft dabei sehr ambivalente Reaktionen beim Rezipienten hervor – von enthusiastischer Begeisterung der Fangemeinde bis zu Ekel, Empörung und Ablehnung –, wovon auch zahlreiche Indizierungen von Filmen nach § 131 StGB4 zeugen.
Einsatz im Unterricht
Es versteht sich von selbst, dass mit dem Thema äußerst sensibel umgegangen werden muss. Bildliche, aber auch inhaltliche Elemente können am Rande des Erträglichen liegen – von Schüler zu Schüler auf unterschiedlicher Stufe! Die Behandlung des Themas liegt im Ermessen der Lehrkraft; ein Einstieg in die Sequenz empfiehlt sich über „Splatter-Elemente, die die Schüler bereits kennen – aus Filmen, Serien, Musik oder Computerspielen. Auch nach literarischen Beispielen kann in Vorbereitung auf die ovidischen Texte beim Zusammentragen der Beispiele gefragt werden.
Um von einem...

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