10. – 13. Schuljahr

Reinhard Selinger

Tod in der Arena

Hinrichtungen als Schauspiel bei Plinius, Sueton und Martial

Anhand einer Auswahl von Texten in Prosa und Dichtung erarbeiten sich die Schüler eine kleine Sozialgeschichte der römischen Kaiserzeit: Herrscher und Beherrschte versammeln sich zu den blutigen Schauspielen im Amphitheater und legen dabei ihre Psyche schonungslos offen.

„Zu sehen gibt es weiters ein Schauspiel, kein kraftloses und schlaffes, keines, das männlichen Mut schwächt und bricht, sondern eines, das dazu anspornt, schöne Wunden zu empfangen und den Tod zu verachten, weil man sogar am Körper von Sklaven und Verbrechern Sehnsucht zu Ehre und Verlangen nach Sieg bemerken kann.
Derselbe Autor, der erstaunliche Begeisterung für Gladiatorenspiele empfindet, steht Zirkusrennen mit demonstrativem Desinteresse gegenüber:
„Zirkusrennen – das ist eine Art von Schauspiel, die mich nicht im Geringsten interessiert. Sie bieten nichts Neues, keine Abwechslung, nichts, das nicht ein Mal gesehen zu haben, genügte. Umso mehr wundere ich mich, dass so viel Tausende Männer kindisches Vergnügen daran haben, immer wieder rennende Pferde und auf Rennwagen stehende Leute zu sehen.
Besteht ein Widerspruch zwischen den beiden Aussagen? Für die Zeitgenossen des Autors nicht, für den modernen Betrachter schon?
Blutige Spiele als Spiegel des Krieges
Blutige Spiele als Spiegel des Krieges
Wie konnte eine Hochkultur wie die der Römer solch blutige Spiele hervorbringen?
Rom verdankte seinen Aufstieg zur Weltmacht der Gewalt. Im Krieg verstanden die Römer es, andere Völker zu unterwerfen, im Frieden zu beherrschen und zu besitzen. Dabei bezog sich die Gewalt nicht nur auf Menschen, sondern schloss auch die Natur ein. Im Krieg wurden Rampen und Türme aufgerichtet, um hohes Terrain zu überwinden, Cäsar ließ eine massive Holzbrücke über den halben Kilometer breiten Rhein schlagen. Im Frieden wurden Villen ins Meer hinaus gebaut, Berge mit Tunneln durchbohrt oder Täler mit Aquädukten überspannt.
Mit den Gladiatorenspielen verlegt ein militärischer Staat künstliche Schlachtfelder in die Städte. In den blutigen Spielen reflektieren sich die Wertvorstellungen der Römer. Virtus, fortitudo, constantia, disciplina sind ebenso in der Arena wie in der Schlacht erwünscht. Bei Plinius wird der ideale Gladiator, der pulchra vulnera erträgt, contemptum mortis zurschaustellt und von amor laudis und cupido victoriae geprägt ist, zum Vorbild des idealen Soldaten. (Mann 2011, 42)
Hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Faszination betrachtet der Beobachter von heute die blutigen Schauspiele der Römer. Über die Gräuel selbst ist er schockiert, bestaunt aber gleichzeitig deren Überreste wie das Kolosseum. Die literarische Überlieferung und noch mehr die Bildquellen lassen erahnen, wie ungeniert die Römer Leid als Schauspiel erlebbar machten. Doch warum üben diese blutigen Schauspiele heute wieder Faszination aus? Oder war sie möglicherweise nie erloschen?
Das Unterrichtsmodell
Die beiden Textauszüge des jüngeren Plinius dienen als Einstieg in eine Sequenz, in der das literarisch umgesetzte Grauen in der Arena, die Grausamkeit mancher Kaiser und die Intention der Autoren, Plinius, Suetons und Martials, untersucht und in Relation gesetzt werden. Die nicht chronologische Reihenfolge erklärt sich durch den „sanften Einstieg in das blutige Thema mit Plinius Texten und Suetons Titus-Vita als Bindeglied. Ein Teil der Texte wird von allen Schülern bearbeitet, andere können arbeitsteilig in Gruppen- oder Partnerarbeit behandelt werden. Die arbeitsteilig zu behandelnden Texte bilden dabei eine Kontrastfolie zum Ausgangstext (Sueton). In die Arbeitsaufträge sind eine Reihe von präzisen Fragen integriert, die die Erschließung und das Verständnis der Texte erleichtern. Sie sollen zum Hinterfragen ermuntern und teilweise eine Selbstkontrolle ermöglichen.
Plinius
Die Größe Roms gründet und stützt sich auf das Streben nach Ruhm und Ehre im Krieg....

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