11. – 13. Schuljahr

Axel Schmitt

Der Ursprung des Asyl-Gedankens in Homers Odyssee

Als Schutzflehender (ἱκέτης) kommt Odysseus zu Polyphem und zu den Phaiaken und wird auf ganz unterschiedliche Art und Weise empfangen; auch seine Heimkehr in den Herrscherpalast von Ithaka beinhaltet konträre Elemente der ἱκετεία. Ausgewählte Szenen aus der Odyssee bieten einen Einblick in die frühen Formen des Asylwesens, zwischen vollendetem Gastrecht und Gastrechtsfrevel.

Bei einer Befragung der ältesten griechischen Texte im Hinblick auf „Flucht und „Asyl dürfen die homerischen Epen Ilias und Odyssee besondere Aufmerksamkeit beanspruchen. Sie bieten nicht nur einen Blick in die Anfangsgründe des griechischen Altertums, sondern auch quantitativ wie qualitativ reichhaltiges Material. Allerdings lassen, wie Martin Dreher überzeugend nachgewiesen hat, die beiden Epen die später bei den Griechen allgemeingültige Norm, jedes Heiligtum sei eine Zufluchtsstätte für Verfolgte, noch nicht erkennen, obwohl sich vom Inhalt der Epen her mehrere Stelle angeboten hätten, die Zuflucht in eine Asylstätte zu schildern.1 Wenn sich in der Ilias überhaupt keine Spuren von „Asyl finden, und wenn sich in der Odyssee allenfalls Vor- oder Frühformen des Asyls erkennen lassen, so kann dieser Befund mit Dreher nur dadurch erklärt werden, dass „das Asyl als allgemein akzeptierte Einrichtung in der homerischen Zeit noch nicht existierte.2
Es wäre demnach ein Fehler, in Kenntnis des klassischen Asylwesens den homerischen und den klassischen Schutzflehenden (ἱκέτης) gleichzusetzen.3 Ebenso wenig zielführend wäre es, unter dem abstrakten Begriff der ἱκετεία bzw. ἱκεσία bereits bei Homer einen religiösen Ritus zu verstehen, der, insofern er in einwandfreier Weise vollzogen wird, bestimmte Rechtsfolgen (Unantastbarkeit) bewirkt; das ist nicht der Fall. Daher ist es unerlässlich, erstens, „Homer aus Homer zu erklären (Ὅμηρον ἐξ Ὁμήρου σαφηνίζειν)4, und nicht anhand von Begriffen aus späteren Texten, und, zweitens, eng bei den spezifischen Bedeutungen der homerischen Begriffe zu bleiben. Sonst wird die Gelegenheit, durch Homer einen Einblick in die frühen Formen des Asylwesens zu erlangen, vertan. Auf diese Weise wird sich zeigen, dass in den homerischen Texten die verschiedenen Erscheinungsformen von „Schutz und „Zuflucht noch eng miteinander verknüpft sind und voneinander abhängen.
Die Unterrichtssequenz Konzeption und methodischer Ansatz
Die Unterrichtssequenz zum Thema „Schutz und „Zuflucht in der homerischen Odyssee, die etwa 15 Stunden Zeitumfang erfordert, besteht aus drei Teilen (Arbeitsaufträge für alle Texte in Material 1 ).
Einstieg
Als Einstieg in die Einheit kann ein Assoziogramm zum Thema gestaltet werden, in dem aus heutiger, moderner Sicht die sehr aktuellen Begriffe „Flucht und „Asyl problematisiert werden (Kasten 1).
Assoziogramm „Flucht und „Asyl
Assoziogramm „Flucht und „Asyl
Flucht
  • unfreiwilliges Verlassen eines Landes oder Ortes, das Ausweichen aus einer unangenehmen, bedrohlichen oder nicht zu bewältigenden Lebenssituation;
  • Flüchtling hält sich aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung außerhalb seines Landes auf, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt, dessen Schutz er aber nicht mehr in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht mehr in Anspruch nehmen will (vgl. Genfer Flüchtlingskonvention Art. 1 [1951]);
  • mögliche Fluchtursachen: a) gesellschaftlich: Bürgerkriege, Menschenrechtsverletzungen, staatliche und vom Staat geduldete Gewalt, Armut, frauenspezifische Fluchtgründe; b) individuell: höhere Bildung, besseres Leben, gesundheitliche Versorgung, familiäre Verfolgung; c) Umwelt: Dürre, Flutkatastrophe, Überschwemmung, Erdbeben, radioaktive Unfälle, vergiftete Gewässer, Wirbelstürme/Tsunami;
  • abgeleitete Menschenrechte: Recht auf Leben, Recht auf...

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