10. – 13. Schuljahr

Patrick Schollmeyer

Die asylsuchenden Amazonen von Ephesos

Oder: Kann man der Menschlichkeit ein Denkmal setzen?

Die aktuelle Debatte um hilfesuchende Kriegsflüchtlinge aus den zahlreichen Krisenregionen der Erde wird in ganz Europa mit einer zum Teil verstörenden Vehemenz geführt, bei der humane Gesichtspunkte oftmals leider ins Hintertreffen geraten. Das Thema drängt derart in das öffentliche Bewusstsein, dass sich auch der altsprachliche Unterricht dessen annehmen sollte. Dies hat umso mehr seine Berechtigung, als bereits die Antike heftige Kontroversen über Bewertung und Integration von Fremden geführt hat.1 Neben den einschlägigen Textstellen ist dabei die Bildkunst in den Blick zu nehmen, da sie einen besonderen sinnlichen Zugang zu dieser komplexen Problematik eröffnet und zugleich im Hinblick auf die wahre Bilderflut moderner Medien kritisch sensibilisiert. Wegen der Fülle des zur Verfügung stehenden Materials empfiehlt sich dabei die Beschränkung auf ein besonders aussagekräftiges und noch dazu gut dokumentiertes Beispiel.2
Original und Kopie(n)
Gaius Plinius Secundus Maior kommt in seiner Naturalis historia vergleichsweise ausführlich auf ein besonderes Denkmal im Artemision von Ephesos zu sprechen (34,53)3: venere autem et in certamen laudatissimi, quamquam diversis aetatibus geniti, quoniam fecerant Amazonas; quae cum in templo Dianae Ephesiae dicarentur, placuit eligi probatissimam ipsorum artificum, qui praesentes erant iudicio, cum apparuit eam esse, quam omnes secundam a sua quisque iudicassent. haec est Polycliti, proxima ab ea Phidiae, tertia Cresilae, quarta Cydonis, quinta Phradmonis.
Die Erwähnung der ephesischen Amazonengruppe im 34. Buch, in dem Plinius sich zur Metallurgie äußert und in diesem Zusammenhang zu seiner Zeit berühmte griechische Bronzewerke sowie ihre nicht minder berühmten Künstler kurz benennt, lässt keine Zweifel an dem Schluss zu, dass es sich hierbei ebenfalls um Bronzestatuen gehandelt haben muss. Da Plinius an anderer Stelle davon spricht, Kresilas habe unter anderem eine Amazonem volneratam (34, 75)4 gefertigt, waren es offenbar verwundete Amazonen, die die Künstler dargestellt hatten. Die ungefähre Datierung des Monuments ergibt sich aus den Schaffenszeiten der genannten Künstler, darunter Polyklet und Phidias, die bei den römischen Kunstliebhabern eine besonders hohe Wertschätzung genossen, galten sie doch als die besten Bildhauer der als vorbildhaft erachteten sogenannten klassischen Epoche. Auch wenn die Originale nicht mehr erhalten sind – ihr genaues Schicksal ist ungewiss – waren die Bildwerke in der römischen Kaiserzeit offenbar so berühmt und entsprechend begehrt, dass zeitgenössische Bildhauerwerkstätten Kopien in Marmor anfertigten. Unter den erhaltenen römischen Marmorskulpturen lassen sich wenigstens drei unterschiedliche Amazonentypen nachweisen (Abb. 1 ), die bereits seit langem auf dieses Denkmal bezogen werden, und tatsächlich Amazones volneratae4 darstellen.
Fakten und Fragen
Die Forschung6 hat sich in der Hauptsache mit Fragen der Datierung sowie Rekonstruktion der einzelnen Amazonentypen und deren Zuweisung an die von Plinius erwähnten großen Meister beschäftigt. Weitgehende Einigkeit konnte dabei bislang in folgenden Punkten erzielt werden: Die originalen Amazonenstatuen sind in den 430er-Jahren v.Chr. entstanden und in das Artemision von Ephesos als Gesamtgruppe geweiht worden, und es gab keinen Bildhauer Kydon. Stattdessen wird angenommen, es handele sich hierbei um einen Überlieferungsfehler. Kydon(ia) sei ursprünglich das Ethnikon des Kresilas gewesen. In der Tat stammt dieser aus der kretischen Stadt, wie es andere Quellen zweifelsfrei überliefern.
Heftig umstritten ist dagegen weiterhin die Meisterproblematik bis hin zur radikalen Annahme, die kaiserzeitlichen Bildhauerwerkstätten hätten nicht alle Amazonen kopiert, es fehle die des Phradmon, da dieser im Gegensatz zu Polyklet, Phidias und Kresilas beim römischen...

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