5. – 8. Schuljahr

Andreas Hensel

„Endlich in Italien“– das Flüchtlingsschicksal in Lehrbuchtexten

Anhand einzelner Lektionen aus drei Lehrwerken (Actio, Via Mea, Pontes) werden unterschiedliche Aspekte und Methoden vorgestellt, die eine behutsame Annäherung an das so aktuelle und existenzielle Thema „Flucht und eine vertiefende Auseinandersetzung damit bereits im Anfangsunterricht erlauben.

Menschen entkommen der katastrophalen Tragödie der Zerstörung ihres Lebensraums und fliehen über das Mittelmeer, um in Italien Hilfe, Schutz und ein besseres Leben zu finden – was sich wie eine Beschreibung der gegenwärtigen politischen Lage infolge des Bürgerkrieges in Syrien liest, beschreibt gleichzeitig auch das Geschehen eines Jahrtausende alten Mythos, das Schicksal der aus ihrer brennenden Stadt fliehenden Trojaner unter der Führung des Aeneas und deren anschließende Flucht über das Mittelmeer nach Latium.
Aeneas in Lehrbuch- und Lektürephase
Lateinschüler begegnen diesem Mythos im Verlauf ihrer Lesebiografie meist mehrfach. So ist der Stoff häufig in Lehrbuchtexten und Jugendbüchern verarbeitet, und er wird natürlich in der Regel in der Lektürephase der Sek. II noch einmal bei der Behandlung von Vergils Aeneis zum Gegenstand intensiver unterrichtlicher Behandlung. Auch Mittelstufenklassen lernen Auszüge aus der Sage, bspw. die DidoAeneas-Handlung, mitunter bereits kennen.
Im Lehrbuch wird es vor allem darum gehen, den Kindern einen Einblick in die Welt des Mythos zu geben und ihnen Lesefreude und -anregungen über eine spannende Erzählung zu vermitteln, während die existenzielle Dimension des Stoffes und seine literarische Stilisierung bei der Vergil-Lektüre im Vordergrund stehen. Auch wenn die didaktischen Akzente natürlich unterschiedlich zu setzen sind, sollte dennoch nicht darauf verzichtet werden, schon in der Lehrbuchphase die existenzielle Dimension des Themas in den Blick zu nehmen und den Schülern erlebbar zu machen.
Lehrbuchtexte als Orientierungshilfe
Dass Lehrbuchtexte von Beginn an als Texte ernst zu nehmen sind, dass sie – zumindest in den neueren Lehrwerken – auch Themenangebote bereithalten, um mit Schülern problemorientierte Interpretationseinheiten mit lebensweltlichem Bezug anzulegen, dürfte mittlerweile unbestritten sein.1 Schüler lesen ja Texte auch im Lateinunterricht u.a. deshalb, weil sie sich von ihnen eine Orientierungshilfe erhoffen. Wenn nun die Lebensgegenwart der Kinder so stark von einem Thema betroffen ist, wie das derzeit durch die Flucht vieler Menschen und deren Schicksal der Fall ist, dann sollten wir die Chance nutzen, ihnen durch die Auseinandersetzung mit den Texten in unserem Fach eine vertiefende Auseinandersetzung mit diesen Problemen zu ermöglichen. Gerade angesichts der sehr kontrovers und hochemotional geführten Debatte ist in der mythologischen Gestaltung des Stoffes eine Chance zu sehen: Denn der Mythos bietet eine räumliche und zeitliche Distanz, die es leichter macht, sich dem Thema behutsam, aus verschiedenen Perspektiven vielfältiger und unvoreingenommen zu nähern bzw. auch neue Perspektiven zu gewinnen. Gleichzeitig berührt die Aeneas-Sage viele der Kernmotive, die mit dem Flüchtlingsthema zusammenhängen (z.B. Verlassen der Heimat – gefährliche Fluchtwege und traumatische Erlebnisse auf der Flucht – Schutzbedürftigkeit – Perspektive der aufnehmenden Völker am Zufluchtsort und Fragen der Integration dort), sodass eine Einfühlung in die Betroffenen und ein existenzieller Transfer in der Interpretationsarbeit möglich werden.
Schwerpunkte des Mythos in den Lehrwerken
In den Lehrwerken werden vor allem drei Handlungsschwerpunkte des Aeneas-Mythos aufgegriffen: die Flucht aus dem brennenden Troja, die Ankunft der Trojaner in Karthago und der Abschied von Dido sowie die Ankunft der Aeneaden in Italien. Drei Textbeispiele hierfür aus unterschiedlichen Lehrbüchern sollen exemplarisch mit Blick auf die themenbezogene, problemorientierte Interpretationsarbeit...

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