5. – 13. Schuljahr

Michaela Tauffenbach

„Flucht“– ein aktuelles Thema im altsprachlichen Unterricht

„Die Fremde ist nicht Heimat geworden. Aber die Heimat Fremde.1 (Alfred Polgar)
Das Thema „Flucht ist ein altes menschliches Thema. Seine Komplexität, die von den unterschiedlichsten Beweggründen für die Flucht, Fluchtwegen und auch Integrationsmöglichkeiten an den Ankunftsorten einen Bogen spannt, hat auch unsere Schulen mit aktueller Intensität erreicht. Der altsprachliche Unterricht kann hier einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dieses menschliche Grundthema aufzugreifen und im Rahmen der Grundtexte, die bereits im Mittelpunkt des Unterrichts stehen, zu fokussieren. Wie unser Heft zeigen will, finden sich sowohl in der griechischen als auch lateinischen Literatur namhafte Texte, die eine literarische Annäherung an dieses Thema ermöglichen. Die Schülerinnen und Schüler können sich mit diesen Texten, die die Flucht von (meist einzelnen) Menschen in einer räumlichen und zeitlichen Distanz in literarischer Inszenierung vor Augen führen, sach- und kriteriengeleitet mit großem Erkenntnisgewinn auseinandersetzen. Über die Folie der antiken Texte wird ihre Urteilsfähigkeit hinsichtlich ihrer eigenen kritischen Perspektive angesichts dieses hochbrisanten Themas ihrer aktuellen Lebenswelt grundlegend erweitert.
Wie Peter Riemer in seinem Basisartikel zeigt, lässt sich das Thema „Flucht bis in die homerischen Epen literarisch zurückverfolgen. Das Fluchtszenario mit dem Topos des Schutzsuchens, der rituelle Umgang mit den Flüchtenden und besonders auch das zentrale Motiv der Gastfreundschaft stellen wesentliche literarische Gestaltungselemente in der Odyssee, finden sich aber auch bei Vergil, der Aeneas auf der Flucht stilisiert (Abb. 1 ). Riemer beleuchtet das in der Antike wie heute zentrale Thema des Asyls und verifiziert an verschiedenen Texten u.a. das unterschiedliche Verständnis von Gastfreundschaft bei den Griechen und Römern.
Axel Schmitt geht in seinem Praxisbeitrag für die Sekundarstufe II dem „Asylgedanken in der Odyssee nach und verdeutlicht an drei zentralen Motiven den Ursprung des griechischen Asyls. Als Basistexte für seine Unterrichtseinheit stehen drei Textstellen aus der Odyssee im Mittelpunkt. Die differenzierte Darstellung der unterschiedlichen Aspekte von Flucht und Asyl sowie der besonderen Formen der Hikesie ermöglichen eine tiefgehende literarische Analyse bekannter Textstellen in einem neuen Fokus.
Karl-Heinz Niemann widmet seine Unterrichtsreihe dem Thema „Flucht, Schutzsuche und Schutzgewährung, wobei zwei Textstellen aus der Aeneis Basis für die literarische Untersuchung sind. Niemann zeigt grundlegende literarische Aspekte von Flucht, Schutzsuche und Aufnahme der Flüchtenden, wobei er die einzelnen Phasen multiperspektivisch spiegelt. Mögliche Ergänzungstexte (Odyssee bzw. Plautus, Rudens und Mostellaria) vertiefen die Unterrichtseinheit unter dem Thema „Formen der Schutzgewährung, wobei Niemann besonders auf gegensätzliche Verhaltensmuster aufmerksam macht.
Die Hannibal-Vita bei Nepos steht im Mittelpunkt des Beitrags von Paul Schrott. In der Vita, deren Struktur dem Muster einer Tragödie entspreche, führe Nepos einen Hannibal vor Augen, der einerseits als militärisches Genie gelten könne, andererseits aber an seinem Hass gegenüber dem römischen Volk zerbreche. Schrott erläutert die besondere Form der Ringkomposition im Wechsel von Hass und Furcht und in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Flucht Hannibals, dessen Niedergang korrespondierend mit dem Aufstieg des römischen Volkes dargestellt sei.
Anja Zanini stellt das Thema der Aufnahme der geflüchteten Trojaner am italischen Ankunftsort in der literarischen Gestaltung bei Sallust und Livius gegenüber. Die Unterschiede, die sich bei diesem Literaturvergleich zeigen, eröffnen Möglichkeiten für eine Unterrichtseinheit mit einem großen thematischen Spannungsfeld. Beide Historiker schildern das Ankunftszenario gegensätzlich und...

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