9. – 11. Schuljahr

Anja Zanini

Flucht im Spannungsfeld von Aggression und Integration bei Sallust und Livius

Die Schüler analysieren Sallusts Beschreibung einer völlig problemlosen Integration der Troianer in ihrer neuen Heimat. Im Vergleich mit Livius Darstellung erkennen die Schüler mögliche Motive und Hintergründe für die jeweilige Gestaltung und lernen, auch vermeintlich sachlichen Texten skeptisch zu begegnen.

Das Thema „Flucht im Kontext von Krieg dürfte bei vielen Menschen primär Gedanken an „Flucht vor etwas oder jemandem oder an „Flucht von einem Ort auslösen. Erst in zweiter Linie treten Gedanken zum Zielpunkt, der „Flucht zu einem Ort, hinzu. Das Geschehen am Ende einer Flucht spielt jedoch eine wichtige Rolle, da die Wahl des Zielortes entscheidend für die Zukunft ist, sodass Flüchtende in der Regel eine Region aufsuchen, die ihnen eine Zukunft in Sicherheit und mit wirtschaftlicher Prosperität verspricht. Wenn dort aber schon früher eine Ansiedlung stattgefunden hat, treffen Flüchtlinge auf Einheimische.
Prinzipiell ist zu unterscheiden, ob eine solche Begegnung friedlich oder feindlich verläuft. Auf der einen Seite ist es psychologisch sicherlich nicht unbegründet, anzunehmen, dass Menschen, die von Kriegserfahrungen geprägt und deshalb auf der Flucht sind, Unbekannten mit einer gewissen Zurückhaltung, vielleicht sogar mit Aggression begegnen. Auf der anderen Seite erscheint es auch nicht unwahrscheinlich, dass ein Volk, das einen attraktiven Ort bewohnt, nicht ohne Weiteres bereit ist, diesen großzügig mit Fremden zu teilen. Der Faktor der Anzahl der Flüchtlinge und der Ortsansässigen mag verstärkend oder abmildernd in Bezug auf mögliche Aggressionen wirken. Ein einzelner Flüchtender dürfte beispielsweise bereitwilliger von einer ortsansässigen Gruppe aufgenommen werden, da man in ihm wohl kaum eine ernsthafte Bedrohung der bestehenden Gemeinschaft sieht. Bei einer größeren Zahl von Neuankömmlingen (Abb. 1 ) ist eher das Gegenteil der Fall: Ihr gegenüber verhalten sich die Ortsansässigen wahrscheinlich reserviert und womöglich aggressiv, insbesondere wenn die Kommunikation sich aufgrund verschiedener Sprachen und kultureller Differenzen schwierig gestaltet.
Troianer und Aborigines
Wenn man von diesen grundsätzlichen Überlegungen ausgeht, wirkt Sallusts (86 – 35 v.Chr.) Darstellung der gemeinsamen Anfänge von troianischen Flüchtlingen und italischen Ureinwohnern in der römischen Vorgeschichte geradezu märchenhaft friedfertig. Sallust, der sich nach Caesars Tod aus dem öffentlichen Leben zurückzog und sich der Geschichtsschreibung widmete, schildert den Vorgang in dem bekannten Exkurs der Catilinae Coniuratio (abgefasst ca. 42 v.Chr.) zu Beginn des 6. Kapitels: Das Zusammenwachsen von Troianern und Aborigines vollzog sich seiner Schilderung nach mit großer Leichtigkeit und Geschwindigkeit (Sall., Cat. 6,1 – 2):
Urbem Romam, sicuti ego accepi, condidere atque habuere initio Troiani, qui Aenea duce profugi sedibus incertis vagabantur, cumque iis Aborigines, genus hominum agreste, sine legibus, sine imperio, liberum atque solutum.
Hi postquam in una moenia convenere, dispari genere, dissimili lingua, alii alio more viventes, incredibile memoratu est, quam facile coaluerint: ita brevi multitudo dispersa atque vaga concordia civitas facta erat.
Sallust schreitet in diesem historischen Exkurs von Anfang an zügig voran, indem er die Troianer und Ureinwohner direkt zu den Gründern von Rom macht (urbem Romam condidere atque habuere initio Troiani cumque iis Aborigines). Dabei charakterisiert er auf der einen Seite die Troianer mit nur einem Wort schlicht als Flüchtlinge (profugi) und daher ohne festen Wohnsitz umherschweifend (sedibus incertis vagabantur), aber immerhin mit Aeneas als Führer (Aenea duce). Auf der anderen Seite beschreibt er die Ureinwohner als einfaches bäuerliches Volk (genus hominum agreste), ohne irgendwelche Regeln und Verpflichtungen (sine legibus, sine imperio,...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen