11. – 13. Schuljahr

Antje Arnold/Andreas Spal

Flucht-Narrative in Antike und Gegenwart

Vergils Aeneis und Kleists Graphic Novel „Der Traum von Olympia im interdisziplinären Vergleich

Die Schüler erarbeiten die Fluchtgeschichte des Aeneas mithilfe eines in Comic-Form erzählten Fluchtschicksals der heutigen Zeit. Sie vergegenwärtigen sich Ähnlichkeiten und Unterschiede durch genaue Textlektüre und involvieren sich subjektiv durch das hohe Aktualisierungspotenzial des Textvergleichs im Kontext der gegenwärtigen „Flüchtlingskrise.

In diesen Wochen und Monaten, da der Nahe Osten von Krieg und Terror heimgesucht ist und Menschen schutzsuchend nach Europa fliehen, werden wir mit dem Thema Flucht und Vertreibung in stärkerem Maße als bisher konfrontiert. In den Medien werden erschütternde Bilder von Flüchtenden gezeigt, ob über Land oder über das Mittelmeer, häufig sogar in Seenot. Ganz besonders erregte 2015 das Foto des Flüchtlingskindes Aylan Kurdi die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, weil dadurch nicht nur die Frage nach der Erzählbarkeit von Fluchtgeschichten, sondern auch der ethische Umgang damit in den Fokus gerückt wurde.
Flucht und Berichte darüber lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen. Dass sich außer in historischen oder archäologischen Quellen auch im Mythos Darstellungen zu Flucht und Vertreibung finden, verwundert nicht. Die Lektüre zweier Flucht-Texte, die auf unterschiedliche Weise starke Gefühle hervorrufen, soll zur Reflexion darüber anregen, wie Erzählungen von existenziellen Grenzerfahrungen wirken und wahlweise Erschütterung, Empathie oder angesichts massenmedialer Bilderflut abgestumpfte Gleichgültigkeit evozieren.
Die Aeneis
Ein für Altphilologen zweifelsohne sehr bekanntes Beispiel ist das Schicksal des Aeneas, wie es uns in Vergils Aeneis geschildert wird (Abb. 1 ). Anders als bei Homer, der mit Ilias und Odyssee – in umgekehrter Reihung – das Muster für die Aeneis bildet, wird in deren erstem Teil nicht die Rückkehr nach dem Krieg in die Heimat, sondern die Flucht aus der im Krieg zerstörten Heimat erzählt. Es ist die Geschichte des Prinzen, der zum Flüchtling wurde – und zugleich zum Stammvater der Römer.
Letzterer Aspekt ist in diesem Zusammenhang jedoch nachrangig. Gegenüber dem Menschen Aeneas soll der „Held Aeneas, der seine schicksalhafte Bestimmung erkennt und erfüllt, dessen Handeln durch das Walten der Götter begleitet und beeinflusst wird, im Rahmen der Thematik „Flucht und Vertreibung in den Hintergrund treten. Es ist wohl sicher auch der Erwähnung wert, dass Vergil – vielleicht eher mittelbar denn unmittelbar – selbst ebenfalls Flucht und Vertreibung erlebte, wozu es im Zuge der Landenteignungen unter dem Zweiten Triumvirat kam.3 Die Inhalte der Aeneis werden vor solch einem persönlichen Hintergrund noch authentischer.
„Der Traum von Olympia
Ziel dieser Reihe im Lateinunterricht ist es, das Bild von Aeneas als Getriebenem und Fliehendem zu schärfen. Gleichzeitig ist sein Schicksal exemplarisch und herausgehoben, sodass sich zu Recht die Frage nach der Repräsentativität so vieler anonymer Schicksale stellt. Dies diskutiert auch der Vergleichstext. Vergleiche mit modernen Szenarien überbrücken die Distanz zwischen heutiger Realität und antikem Mythos, erleichtern die Übertragung auf die Gegenwart und fördern die interkulturelle Kompetenz. Dafür schlagen wir vor, die Aeneis-Lektüre durch die Arbeit mit Reinhard Kleists Graphic Novel „Der Traum von Olympia zu flankieren, eventuell auch fächerübergreifend mit dem Deutschunterricht. In dieser Graphic Novel geht es um Samia Yusuf Omar, eine somalische Leichtathletin, die 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking ihr Land repräsentierte. Weil das Bürgerkriegsland sie nicht unterstützte, sie aber 2012 an den Spielen in London teilnehmen wollte, begab sie sich schließlich auf die Flucht nach Äthiopien und danach nach Italien. Auf ihrer Flucht durch die Länder Afrikas landete sie häufig in brenzligen Situationen (Abb....

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