12. – 13. Schuljahr

Karl-Heinz Niemann

Flucht, Schutzsuche und Schutzgewährung

Eine Unterrichtsreihe im Rahmen der Aeneis-Lektüre

Schülerinnen und Schüler lernen anhand von Szenen aus der römischen und griechischen Literatur Grundeinstellungen und Verhaltensformeln zu Schutzsuche und Schutzgewährung in der Antike kennen. Das regt sie dazu an, diese mit den Reaktionen unserer Gesellschaft auf die aktuelle Flüchtlingspolitik und mit dem Umgang nationaler und internationaler Institutionen mit ihr zu vergleichen und einen eigenen Standpunkt dazu zu entwickeln.

Unter den heutigen zeitlichen, organisatorischen und lehrplangenerierten Gegebenheiten des altsprachlichen Unterrichts erscheint es zunehmend schwierig, aktuelle Themen als selbstständige Unterrichtsreihen zusätzlich in den Lektüreablauf einzubringen. Für schlüssiger halte ich es deshalb, diese Themen in Unterrichtsreihen, die ohnehin zur Lektüre anstehen, zu integrieren. Denn damit wird gleichzeitig ein Problem umgangen, das die Fokussierung auf ein aktuelles Thema bei der Lektüre antiker Texte in einer selbstständigen Unterrichtsreihe mit sich bringen kann: die Vernachlässigung des größeren Zusammenhangs, dem die Texte entnommen sind, und der eigentlichen Werkintention des Autors. So lassen sich z.B. an der Daedalus-Ikarus-Metamorphose Ovids (8,183ff.) grundlegende Aspekte zur Fluchtthematik wie Freiheitsentzug als Fluchtmotiv (Gefangenschaft des Daedalus auf Kreta durch Minos), Sehnsucht nach der Heimat (Athen) und nach persönlicher Unabhängigkeit, Ersinnen und Nutzen ungewöhnlicher Fluchtmittel und -wege (Konstruktion von Flügeln, Wahl des Luftwegs), Fluchtrisiko und zwiespältige Fluchtergebnisse (Daedalus gelangt ans Ziel, Ikarus ertrinkt im Meer) sehr anschaulich erarbeiten. Die Werkintention des Autors würde aber verfehlt, wenn nicht zusätzlich die Warnung vor der Hybris gegenüber dem Wesen der Dinge (8,189: D. naturamque novat) und der Beitrag dieser Metamorphose zu der generellen Verwandlungsthematik Ovids (1,1 – 2: formae in nova corpora mutatae) ebenfalls in den Blick genommen würden.
Der Unterrichtsvorschlag
Dieser Unterrichtsvorschlag konzentriert sich deshalb auf zwei Passagen aus Vergils Aeneis, die sich in den Rahmen und die Thematik einer umfangreicheren Aeneis-Lektüre nahtlos einpassen: die Schutzsuche der Trojaner bei Dido nach dem Stranden ihrer im Seesturm dezimierten Flotte an der nordafrikanischen Küste (Aen. 1,520ff.) und ihre Bitte um Aufnahme bei Latinus nach dem Erreichen des Reiseziels Italien (Aen. 7,148ff.). Denn hier sind den Schülerinnen und Schülern Fluchtmotiv (Zerstörung von Troja als Kriegsfolge), Fluchtziel (Neuansiedlung in Italien) und Fluchtrisiko (Gefahren und Leiden auf der Fahrt übers Meer und durch Kriege nach der Landung) der Trojaner durch den Start der Aeneis-Lektüre-Reihe mit dem Proöm (1 – 11) und der Iuno-Aeolus-Szene (34 bzw. 50 – 80) oder der Not des Aeneas und seiner Flotte im Seesturm (81 – 107 bzw. 124) bereits bekannt und – wie die beiden genannten Textpassagen – gleichzeitig integrativer Bestandteil der Thematik des Gesamtwerks.
An diesen beiden Textpassagen lassen sich grundlegende Aspekte von Flucht, Schutzsuche, Aufnahme, Asylgewährung und Integration von Flüchtlingen/Schutzsuchenden in der griechisch-römischen Antike1 beobachten und festhalten. Sie bilden deshalb die Haupttexte des Unterrichtsvorschlags.
Die darin beobachteten Verfahren des Umgangs mit Schutzsuchenden spiegeln nicht nur eine Praxis wider, die in der historischen Epoche der Aeneis-Handlung oder zu Lebzeiten des Autors üblich war oder die nur gegenüber Bittstellern von hohem gesellschaftlichen Rang bzw. Bekanntheitsgrad wie Aeneas geübt wurden, sondern stellen allem Anschein nach
eine in dem gesamten griechisch-römischen Kulturraum gültige Verhaltensweise dar, die bereits in sehr frühen literarischen Zeugnissen dokumentiert ist. Als Ergänzung empfiehlt sich deshalb ein Blick auf zwei Szenen aus Homers Odyssee in...

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