5. – 13. Schuljahr

Peter Riemer

Flüchtlingsschicksale in der Antike Mythos und Realität

Im Mythos von der Zeus-Geliebten Io sahen die Griechen das klassische Beispiel einer sich über Generationen erstreckenden Flucht. Erst floh Io selbst in Gestalt einer Kuh über den nach ihr benannten Bosporus („Rinderfurt) vor den Nachstellungen Heras – in Form einer gefährlichen Bremse – von Argos nach Ägypten. Dort begründete sie mit der Geburt des Epaphos das Geschlecht, aus dem später die Danaiden hervorgingen. Diese wiederum flohen vor ihren Vettern nach Argos, um sich der Zwangsverheiratung mit ihnen zu entziehen, und baten um Asyl. Von den Schwierigkeiten, die Schutzsuchenden aufzunehmen, handeln die Hiketiden des Aischylos.1
Literarisch können wir den Flucht-Themenkreis bis in die homerische Epik zurückverfolgen. Die Odyssee erzählt zwar nicht von einer Flucht des Helden und seiner Gefolgsleute, sondern von deren Heimreise nach der Eroberung Trojas; dennoch weist das Epos einige typische Merkmale auf, die andernorts in der Literatur mit einem Fluchtszenario verbunden sind: etwa die Schutzsuche (Hikesie) oder das Streben nach einem heimatlichen Ort. Flüchtlinge aller Zeiten können zurecht davon sprechen, dass sie eine „Odyssee durchgemacht haben, bis sie endlich an ihr Ziel gekommen sind (zum Asylbegriff bei den Griechen und Römern siehe Kasten 1)2.
Der Asyl-Begriff bei den Griechen und Römern
Der Asyl-Begriff bei den Griechen und Römern
Das Phänomen des Asyls kannten Griechen und Römer gleichermaßen. Letztere übernahmen die Vokabel „Asylon aus dem griechischen Wortschatz; das in Deutschland seit 1949 grundgesetzlich verankerte Asylrecht hat somit antike Vorläufer. „A-sylon bedeutet eigentlich „un-beraubt (Alpha privativum + συλᾶν: rauben, τὸ σῦλον: der Raub, vor allem „Tempelraub), dann aber auch „unverletzt bzw. „unverletztlich, d.h. „vor Verfolgung oder Misshandlung geschützt (vgl. Passow, s.v. ἄσυλον).
Asyl fand man an heiligen Orten, also in Tempeln, an Altären oder an dem Herd eines Hauses, der bei den Griechen ebenfalls ein Altar war. Heute wird das Asyl eher profan gewährt, manchmal aber – in einer extrem zugespitzten Situation, etwa bei drohender Abschiebung – auch wieder in einem Gotteshaus („Kirchenasyl).
Odyssee: Heimkehr als Flucht?
Im fünften Gesang der Odyssee bietet die Nymphe Kalypso Odysseus an, unsterblich zu werden und für immer mit ihr auf der Insel Ogygia zu leben (Od. 5,203 – 213). Doch Odysseus lehnt das Angebot ab. Lieber möchte er die Strapazen einer schwierigen Fahrt über das Meer auf sich nehmen als weiterhin fernab der Heimat zu sein (Od. 5,215 – 224). Dieser ungewöhnliche Dialog zwischen Gottheit und Mensch – die Verlockung, ein Leben unter Unsterblichen zu führen, und die Entscheidung, sterblich zu bleiben und wieder zu seiner Gattin zurückzukehren – findet sich im Epos an exponierter Stelle. Es sind gleichsam die ersten Worte, die Odysseus in direkter Rede von sich gibt. Kurz zuvor hatte er sich nur, klug wie er ist, von Kalypso noch den Schwur erbeten, ihm nicht zu schaden, wenn er sie verlässt. Zudem tritt er hier überhaupt zum ersten Mal figürlich in Erscheinung, nachdem vier Gesänge lang auf Ithaka darüber gerätselt wurde, warum er noch immer nicht heimgekehrt ist und wo er sich wohl aufhalten könnte.
Das Schicksal des Odysseus ist geprägt von einem unbeirrbaren Heimkehrwillen. Er hätte viele Möglichkeiten gehabt, in der Ferne ein neues Leben zu beginnen. Kalypso bietet ihm, wie beschrieben, ein solches ausdrücklich an. Die Zauberin Kirke und nicht zuletzt die zauberhafte phäakische Königstochter Nausikaa legen ein dauerhaftes Verweilen des Helden auf ihren Inseln zumindest nahe.
Asyl in der Odyssee
Odysseus sucht nicht ernsthaft um ein Asyl nach oder strebt gar einen festen Aufenthaltsort außerhalb seines Reichs an. Doch der Dichter des Epos bringt seine Hauptfigur mehrfach mit typischen Momenten des Asyls in Berührung. So kommt es z.B. in der Höhle des...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen