9. – 11. Schuljahr

Paul Schrott

Hannibal profugus eine Vita im Zeichen von Hass und Flucht

Das Bild Hannibals in der Antike

Hannibal brachte Rom einst an den Rand der Niederlage, doch er konnte seine Chance nicht nutzen. Es folgten die Verbannung aus Karthago und Jahre der Flucht. Anhand von ausgewählten Textauszügen erarbeiten die Schüler die Leitmotive Hass, Furcht und Heimatlosigkeit bzw. Flucht und deren Verwicklung in der Hannibal-Vita des Cornelius Nepos.

Die Person Hannibal hat ihren festen Platz in den Geschichtsbüchern. Vor allem das militärische Ausnahmetalent des punischen Feldherrn hat dazu beigetragen, dass sein Name über seinen Tod hinaus ins kollektive Gedächtnis Roms eingebrannt ist. Wer kennt nicht seinen Marsch über die Alpen, mit dem er die Römer zu einem Verteidigungskrieg in Italien zwang, wer kennt nicht die Schlacht von Cannae, in der er mit zahlenmäßig weit unterlegenen Truppen das römische Heer einkesselte und vollständig vernichtete?
Trotz dieser Erfolge ist der Name „Hannibal auch mit dem Makel der Niederlage behaftet. Denn er konnte sein Ziel, Rom zu einem neuen Friedensvertrag mit Karthago zu zwingen, nicht erreichen.1
Just im Moment seines größten Erfolges wurde für die antiken Historiker die Tragik des großen Karthagers offenbar. So legte Livius – in Anlehnung an den älteren Cato2 – Hannibals General Maharbal die berühmten Worte „Vincere scis, Hannibal; victoria uti nescis. (Liv. 22,51,1 – 2) in den Mund, die programmatisch den Fall des gefeierten Feldherrn ankündigten (eine für Schüler adaptierte Beschreibung dieses Gesprächs mit Maharbal von Charles-François Lhomond – vgl. Material 2 – findet sich in Material 4 ).
Obwohl Hannibal noch weitere 13 Jahre in Italien unbesiegt gegen die Römer kämpfen sollte, musste er letztlich gescheitert abziehen, um seine Heimatstadt Karthago gegen das römische Expeditionsheer unter P. Cornelius Scipio zu verteidigen – was ihm bekanntlich misslang. Daraufhin folgten Jahre der Flucht und am Ende – der Freitod! Schon früh war also das Leben Hannibals als tragisch erkannt worden, das Bild des strahlenden und genialen Heerführers verdunkelte sich.
In der mittleren Republik wurde Hannibal von den Römern vor allem als Feind wahrgenommen, den es zu vernichten galt. Natürlich hat auch die tief verwurzelte antikarthagische Einstellung dieses Bild entscheidend mitgeprägt.3 Erst im Laufe der Jahrhunderte, als der metus Punicus verblasste, wurde Hannibal positiver beurteilt und schließlich sogar in der Literatur der Kaiserzeit zum Sympathieträger. Als Höhepunkt dieser Entwicklung ist wohl die Verehrung durch den aus Leptis Magna stammenden Kaiser Septimius Severus anzusehen, der eine besondere Vorliebe für seinen afrikanischen „Landsmann hatte.4
Die Leitmotive der Nepos-Vita
Trotz der Allgegenwart der Figur „Hannibal in allen Genres der antiken Literatur5 ist ihm nur eine einzige antike Biografie gewidmet: aus der Feder des Römers Cornelius Nepos. Diese innerhalb der Sammlung De viris illustribus veröffentlichte Vita nimmt aufgrund ihrer Datierung in die spätrepublikanische Epoche eine Mittelstellung innerhalb der gerade skizzierten Entwicklung ein. Damit wird die Frage nach dem Hannibal-Bild des Nepos und den Leitmotiven seiner biografischen Studie aufgeworfen (vgl. Material 1 , Lektürevorschlag in Tabelle 1 ).
Die Struktur der Hannibal-Vita
Die Hannibal-Vita des Nepos ist in einer Rahmung von Prolog und Epilog nach dem Muster einer Tragödie gestaltet:6 Die Handlung ist achsensymmetrisch um den Wendepunkt der Schlacht von Zama angelegt. Dem Aufstieg mit den großen Siegen über Rom folgt die Niederlage, die zum unaufhaltsamen Abstieg des Helden führt und schließlich in der Katastrophe des Selbstmords endet. Die genaue Analyse ergibt jedoch, dass Nepos die Handlung seinen Intentionen gemäß umgestellt hat.7 Der chronologische Ablauf der Ereignisse musste der Strukturierung des Stoffes weichen. Nepos gestaltet seine eigene Hannibal-Vita, um den...

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