10. – 13. Schuljahr

Patrick Poppe

Translatio studii ex effugio

Flucht und Wissenstransfer im Kontext des Falls von Konstantinopel

„Im Zerfall eines Großen Friedens kommt es zu Krisen und Unsicherheit, verschiedene Zivilisationen stoßen zusammen, und langsam entsteht das Bild eines neuen Menschen. Es tritt erst später in voller Klarheit zutage, aber die Grundzüge sind schon da und brodeln in einem dramatischen Kessel.1
Der wohl bekannteste Semiotiker, Philosoph und Autor Umberto Eco, spielte mit seinem „Zerfall des Großen Friedens auf den Übergang vom antiken Römischen Reich zum Mittelalter an. Für ihn stellt diese Zeit, so chaotisch, instabil und krisenhaft sie zweifelsohne war, keine Epoche des intellektuellen Niedergangs dar, sondern „eine Zeit enormer geistiger Vitalität voll faszinierender Dialoge sowie „eine Zeit der Reisen und der Begegnungen. Krisen und Konflikte führen zweifelsohne zu Veränderungen, deren Endpunkte gerade von den Zeitgenossen nicht erkannt oder erahnt werden können. Und doch stehen einige krisenhafte Momente in der Geschichte Europas – in der Retrospektive – später stellvertretend für den Beginn einer neuen Epoche oder eines neuen Abschnitts in der Geistesgeschichte. Gerade für den Beginn der Neuzeit gibt es eine Vielzahl von möglichen Initiationsereignissen. Als aber am 29. Mai 1453 Konstantinopel in muslimische Hände fiel (Abb. 1 ), traf dies in ganz besonderem Maße den intellektuellen Zeitgeist der erblühenden Renaissance und der humanistischen Studien.
Die secunda mors der berühmten Dichter?
Der namhafte Humanist, Schriftsteller, Historiker, Poet und spätere Papst Enea Silvio Piccolomini beklagte in einem Brief an den universal gebildeten deutschen Philosophen, Theologen und Kardinal, Nikolaus Cusanus, den Umstand, dass man nun endgültig vom Zufluss aller Wissenschaft, dem „fluvius omnium doctrinarum abgeschnitten sei. Die Türken seien die „litterarum et Grecarum et Latinarum hostes und es bestehe kein Zweifel daran, dass sie nach der Eroberung Konstantinopels jedes schriftliche Denkmal den Flammen übergeben werden. Nun ereile Homer, Pindar, Menander und letztendlich alle berühmten Dichter, die „secunda mors. Allen Philosophen Griechenlands stehe dann analog auch der „ultimus interitus bevor.2 Das Bild, das zunächst vom expandierenden Osmanischen Reich gezeichnet wurde, war das des ungebildeten Barbaren. Dieses bewährte klassische Motiv musste jedoch mit steigender Kenntnis über die Eroberer korrigiert werden. Enea Silvios brennende Frage an den Kusaner „Ubi nunc poesis, ubi nunc philosophia requiretur?3, stand aber sowohl im Kontext der Angst vor dem Verlust vorhandenen als auch dem noch nicht erschlossenen Wissens.
Steigendes Interesse an der griechischen Kultur
Mit der zeitlichen Entwicklung des Humanismus erwachte neben dem bekannten Interesse an der lateinischen Kultur, Sprache und Philosophie auch ein zunehmender Fokus auf die ältere Kultur der Griechen. Dies ging mit einem steigenden Interesse an der griechischen Sprache nebst der literarischen Übersetzung und Überlieferung griechischer Texte einher.4
Solch eine Idee des Transfers griechischer Wissensbestände erstarkte bereits bei den Gründervätern des Humanismus. Hierbei spielten die Werke Ciceros, die sich mit der literarischen Übersetzung aus dem Griechischen und der Erschließung des griechischen Wissens beschäftigen, eine große Rolle. Ihre Lektüre erweckte das Interesse von Denkern wie Petrarcas (1304 –1374) und Boccacios (1313 – 1375) an den Inhalten der griechischen Originale. Gerade Petrarca hatte sein Wissen über die griechische Philosophie auf weiter Strecke den Schriften Ciceros zu verdanken.5 Dem Sammler und Kompilator der Handschriften Ciceros, war es jedoch bis zu seinem Tode nie gelungen, der griechischen Sprache in vollem Umfang mächtig zu werden. Er musste sich fast resignierend eingestehen, dass Homer ihm gegenüber stumm, so wie er ihm gegenüber taub sei. Petrarca setzte sich dafür ein, den...

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