8. – 13. Schuljahr

Christian Vogel

Auf den Spuren des Scheiterns mit Homers Ilias und Odyssee

Schon ein flüchtiger Blick in die antike Rezeption zeigt, dass der Ilias und der Odyssee unter vielen unterschiedlichen Gesichtspunkten Wertschätzung zugeschrieben werden kann. So galt Homer beispielsweise als Schöpfer der griechischen Götterordnung (Herodot, Hist. 2,53), als Lehrer der Kriegskunst (Platon, Ion 541a – b oder Aristophanes, Frösche 1030 – 1036), als Quelle für die Geschichtsschreibung (Thukydides 1,9,3), als Inspiration für Städtebau und Bildung (Platon, Politeia 599c – d) oder gar als Meister für alle menschlichen Angelegenheiten schlechthin (Xenophon, Symposion 4,6). Auch wenn diese Wertschätzung immer wieder von kritischen Einwänden flankiert wurde,1 ist die Bedeutung der homerischen Dichtung für die antike Bildung und Erziehung nicht zu unterschätzen.2
Dies hängt nicht nur mit den verhandelten Themen und dem überlieferten Stoff zusammen, sondern auch mit der Art der Vermittlung. Denn Homer galt auch als Anführer und Vorbild der tragischen Dichtung,3 und zwar nicht nur, weil er den griechischen Tragikern reichlich Material für ihre Dramen zur Verfügung stellte, sondern auch weil er die Schicksale seiner Helden so erzählte, dass wir Rezipienten bis heute deren Scheitern mitfühlend und verstehend nachvollziehend können. Denn wenn wir die Handlung – oder besser gesagt: die Handlungen der Helden – genauer betrachten, so fällt auf, dass sowohl in der Ilias als auch in der Odyssee vor allem auch die Konsequenzen einer Fehlorientierung menschlichen Strebens eine zentrale Rolle spielen: So führt in der Ilias Agamemnons sturer Geltungsdrang zum Rückzug des besten Kämpfers auf Seiten der Griechen. Achills unbändiger Zorn wiederum bringt das Heer an den Rand der Niederlage und treibt seinen engsten Gefährten Patroklos in das Kampfgeschehen. Dieser vergisst schließlich im Siegesrausch alle Mahnungen und bezahlt dies mit dem Leben. Auf der anderen Seite kosten Hektors gedankenloser Übermut und die Leichtgläubigkeit seiner Anhänger ihn selbst und vielen Troern das Leben. Auffällig dabei ist, dass Homer in all den Fällen auf alternative Handlungsoptionen verweist und dadurch einerseits diese mit Leid verbundenen Schicksale als vermeidbar markiert und andererseits die Gründe des Scheiterns sichtbar macht.
In der Odyssee ist es das rücksichtslose Streben nach Macht und Reichtum, das den Freiern der Penelope teuer zu stehen kommt, und die verblendende Begierde nach sinnlichen Genüssen, die vielen Gefährten des Odysseus die Chance auf ihre Rückkehr nimmt. Die homerischen Helden sind dabei keineswegs so angelegt, dass sie fremdgesteuert werden und ohne eigenes Zutun in ein unvermeidliches Schicksal geraten. Dies wird deutlich, wenn wir in den Blick nehmen, wieviel Sorgfalt Homer darauf verwendet, die Ursachen für die jeweilige Fehlorientierung in den Charakteren zu verorten und diesen Zusammenhang in den Handlungen zu entfalten.5 Homer selbst macht im ersten Buch der Odyssee auf die Sitte aufmerksam, die Verantwortlichkeit für das menschliche Scheitern den Göttern zuzuschreiben, wenn er Zeus sagen lässt: „Nein! wie die Sterblichen doch die Götter beschuldigen! Von uns her, sagen sie, sei das Schlimme! Und schaffen doch auch selbst durch eigene Freveltaten, über ihr Teil hinaus, sich Schmerzen!6 (Od. 1,31 – 33)
Diesen eigenen Anteil am Schicksal zeichnet Homer in den Handlungen seiner Helden nach, indem er die individuellen, sich aus dem jeweiligen Charakter ergebenden Ursachen für das Scheitern kennzeichnet. Die Verblendung, die für das Scheitern verantwortlich ist, wird nicht einfach als eine passiv erlittene Blindheit für angemessene Handlungsoptionen beschrieben, sondern vielmehr als Ergebnis einer Verengung des Blicks auf ein kurzfristiges Ziel, das allerdings mit den eigentlichen, nachhaltigen Zielen des Handelnden in Konflikt steht.
Die Ilias, oder: der Zorn des Achill
Der Beginn der Ilias verrät, worum...

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