11. – 13. Schuljahr

Jan Bernhardt / Marcel Humar

Die Epen Homers auf dem Seziertisch

Analyse, Unitarismus und die homerische Frage

Seit nun mehr über 200 Jahren befassen sich Gelehrte mit der Frage nach der Gestaltung der homerischen Epen und versuchen, diese in ihrer Struktur (mit all ihren Auffälligkeiten) und Genese zu erklären. Der Beitrag führt in diese spannende Forschungsreise ein und zeigt Möglichkeiten, die homerische Frage auch im Unterricht produktiv nutzbar zu machen.

Seit Wolfs Prolegomena ad Homerum (1795) ist die Homerforschung vielfach differenzierte Wege zur Erklärung der Entstehung der homerischen Epen und ihrer Komposition gegangen .1 Aus Wolfs bahnbrechender Arbeit, in der dieser eine Bearbeitung der Ilias durch unterschiedliche Dichter/Autoren in verschiedenen Epochen annahm und die besonderen Eigenarten der Ilias auf diese Weise durch ihre Genese erklärte, entwickelte sich die Homer-Analyse. In Folge entstanden zwei Hauptrichtungen der philologischen Homerforschung: Der Unitarismus, in dem eher der einheitliche Charakter der homerischen Werke betont wird und deren Vertreter von einem einzigen Dichter der Ilias sowie der Odyssee (oder beider Epen) ausgehen, sowie die Analyse (und ihre Weiterentwicklung in Form der Neoanalyse, die methodisch jedoch eher dem Unitarismus folgt), die zum Ziel hat, verschiedene Textteile und Autoren der Epen zu rekonstruieren und die einzelnen Entstehungslinien in ihrer Genese zu erklären. Beide Forschungsrichtungen lieferten unterschiedliche Ansätze zur Erklärung auffälliger Stellen wie Wiederholungen, vermeintlichen logischen Fehlern, Inkonzinnitäten und vielem mehr.
Forschungsansätze im Unterricht
Obwohl die homerische Frage ein „altes Problem der klassischen Philologie darstellt, lohnt es sich, die oben angeführten Positionen im Unterricht zu thematisieren und deren Argumentationsweisen anhand ausgewählter Stellen nachzuvollziehen: Durch die Untersuchung der homerischen Partien mit Blick auf deren strukturelle oder inhaltliche Auffälligkeiten sowie Fragen der Genese wird erstens der Unterschied zwischen textinterner und textexterner Perspektive auf den Text deutlich; es geht also um einen Erkenntnisgewinn der Eigen- und Besonderheiten der epischen Texte. Zweites dient die Einheit als literaturwissenschaftliche Propädeutik, da hier das mikroanalytische Lesen (partiell) eingefordert wird; die Schülerinnen und Schüler identifizieren sich dabei mit einer Forschungsrichtung, vollziehen jedenfalls deren Thesen nach und wenden diese in der Textarbeit an: Forschungsansätze werden so gewissermaßen lebendig gemacht.
Vereinung des Unvereinbaren oral poetry
Die Positionen von Unitariern und Analytikern scheinen zunächst unvereinbar; dennoch ist es durch einen weiteren Aspekt der homerischen Epen, nämlich deren mündlichen Charakter, möglich, beide Positionen einander anzunähern. Dies leistet die Mitte des 20. Jahrhunderts ausgebildete Forschungsrichtung der oral poetry. Diese geht von einer mündlichen Tradition der Epen über mehrere Generationen von Sängern hinweg aus, die vor allem nach traditionellen Erzähltechniken (Formelverse, mnemotechnische Elemente) fragt. Einige Probleme, die sowohl Analytiker als auch Unitarier ausgemacht hatten, konnten durch den mündlichen Charakter der Epen erklärt werden. Die Debatte hat dadurch an Schärfe verloren, da viele Fragen sich als (vermeintlich) unbegründet erwiesen haben. Als „jüngste Richtung wird daher die oral-poetry-Theorie in dieser Einheit abschließend behandelt: Unter Verweis auf Aspekte der oral poetry können Spezifika der epischen Sprache geklärt und mit dem Blick auf die Traditionen der mündlichen Dichtung kann so ein vertieftes Verständnis der Epen geschaffen werden.
Ziel und Aufbau
Kenntnisse der Struktur der homerischen Epen und ihres Aufbaus sowie der Besonderheiten der homerischen Sprache werden vorausgesetzt; auch sollten größere Passagen bereits im Original gelesen sein.
Der vorliegende Beitrag soll...

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