10. – 11. Schuljahr

Susanne Aretz mit Madalena Reis und Tristan Kempkens

Homers Ilias als Anfangs- oder Übergangslektüre

Einführung mittels Stationenlernen

Ist Homers Ilias als Anfangslektüre möglich und sinnvoll? Diese Frage möchten wir mithilfe eines Stationenlernens mit „Ja beantworten. Die Schüler erhalten erste Einblicke in die Handlung und Motive der Ilias, die Dichtung im Hexameter, die homerische Sprache, die Grabungsgeschichte und die oral poetry.

Die Lernenden haben in der Lehrbuchphase meist Attisch gelernt und verfügen nach deren Abschluss über rudimentäre Vokabel- und Grammatikkenntnisse. Jetzt sollen sie Ionisch lesen, viele unbekannte Vokabeln übersetzen, neuartige Endungen kennenlernen und noch das Metrum verstehen. Dazu kommt die komplexe Handlung der Ilias und die homerische Frage. Gängige Praxis ist es, an einem nicht so bedeutungsschweren Inhalt mit wenig sperrigem Äußeren einfach noch ein bisschen Vokabeln und Grammatik zu üben. Deshalb werden als Übergangslektüren Xenophon, Longos, Neues Testament1, Lukian etc. empfohlen.
Nach Abschluss des Lehrbuchs sind die Lernenden jedoch meistens auf dem Zenit ihrer Vokabel- und Grammatikkenntnisse angelangt. Diese schwinden eher wieder durch die Verwendung des Lexikons bzw. das mehr oder weniger unsystematische Thematisieren von Grammatik. Oder sie gehen – man kann es auch zuversichtlicher ausdrücken – in ein weniger reflektiertes „Können über. Außerdem erfolgt trotz originaler Lehrbuchtexte beim Übergang in die Lektüre der sogenannte Lektüreschock, weil sehr viele unbekannte autorenspezifische Vokabeln oder noch nicht eingeführte Grammatikthemen vorkommen. Um dem entgegenzuwirken, müssen alle Übergangslektüren mit zahlreichen Angaben versehen werden. Es besteht also in dieser Hinsicht fast kein Unterschied, ob die Lernenden Homer, die Vorsokratiker oder Xenophon lesen.
Die Bedeutungsschwere, also der faszinierende und motivierende Inhalt, und Homer als Sinn und Zweck jeder Beschäftigung mit dem Griechischen sind dagegen große Pluspunkte: Wenn die Lernenden jetzt in Kontakt mit Homer kommen, wählen sie dieses Fach weiter, weil sie sich auf Homers Odyssee freuen, überlegen vielleicht sogar, Griechisch als Abiturfach zu wählen.
Außerdem entlastet man durch die Einführung des Ionischen, der Metrik und des Autors Homer die durch die Pflichtlektüren sehr eingeengte Qualifikationsphase der Oberstufe.
Die Methode des Stationenlernens
Stationenlernen ist eine Form des offenen Unterrichts, bei dem die Lernenden über mehrere Unterrichtseinheiten hinweg an einzelnen Stationen individuell oder kooperativ unter Begleitung der Lehrperson arbeiten.
Voraussetzungen, Ziele und Impulse für die Weiterarbeit
Voraussetzungen, Ziele und Impulse für die Weiterarbeit
Voraussetzungen an die Lerngruppe: Griechischkurs nach Abschluss der Lehrbuchphase und nach Lektüre des Ilias-Proömiums V. 1 – 7
Dauer: 6 Unterrichtseinheiten (Doppelstunden von je 45 Min.)
Die einzelnen Stationen lassen sich aber auch unabhängig voneinander und auch in Lateinkursen einsetzen.
Ziele:
  • Motivation
  • Einführung in das Epos, den Hexameter, die ionische Sprache, die Handlung der Ilias, die historischen Voraussetzungen
  • Binnendifferenzierung
  • Vorbereitung und Entlastung der abiturrelevanten Themen
Anregungen für die Weiterarbeit (Dauer ca. 12 Doppelstunden)
  • Achills Zorn 1,222 – 244
  • Synoptische Lektüre Thersites (2,212 – 272) und Lukian (Totengespräche 25)
  • Abschied Hektor und Andromache (6,456 – 481)
  • Tod des Patroklos 16,828 – 854
  • Thetis und Achill 18,70 – 96
  • Priamos und Achill 24, 509 – 12
  • Rezensionen zur Rezeption der Ilias (z.B. Philip Roth, „Der menschliche Makel oder Jonathan Shay, „Achill in Vietnam);
  • Lesung Raoul Schrott: Die Lernenden lesen ihre Lieblingsstellen.
Die Lehrperson führt sie dazu kurz anhand eines Laufzettels in die Methode ein. Die Ergebnisse werden anhand von Lösungen oder durch Präsentationen gesichert.2
Das Stationenlernen als Methode soll die Unterrichtsinhalte...

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