8. – 13. Schuljahr

Peter Riemer

Menschenbild und Menschlichkeit in den homerischen Epen

Ilias und Odyssee entstammen den allerersten Anfängen verschriftlichter Dichtung und sind doch Meisterwerke der Weltliteratur. Es war für die wählerischen, literatur- und kunstverwöhnten Griechen der Klassischen Zeit des 5. Jh.s v.Chr. eine Selbstverständlichkeit, sie auswendig zu kennen und sich immer wieder auf sie zu beziehen. An ihren Versen übten sich schon die Kinder im Lesen und Schreiben. Und der antike Literaturbetrieb kam bis weit in den Hellenismus hinein nicht ohne Homerisches aus. Das betrifft im Grunde alle Gattungen, insbesondere aber die nachhomerische Epik, die archaische Lyrik und nicht zuletzt die dramatische Produktion der klassischen Zeit. Wenn die Tragiker ein Sujet aus den Mythen rund um den Troianischen Krieg wählten, konnten sie sich darauf verlassen, dass ihr Publikum inhaltliche und sprachliche Anklänge bis ins kleinste Detail verstand.
Homer-Rezeption in Rom
Daher nimmt es nicht wunder, dass Livius Andronicus die Odyssee als einen der beiden großen Klassiker zum Grundstein auch der römischen Literatur machte. Seine lateinische Übersetzung (Odusia) war lange Zeit Schullektüre. Zur höheren Bildung in Rom gehörten aber seit Mitte des 2. Jh.s v.Chr. auch das Griechische als Verkehrssprache und eine gewisse Vertrautheit mit griechischer Literatur. Man las die Werke im Original und memorierte sie weitestgehend. Und so konnte auch ein römischer Autor wie Vergil sicher sein, dass seine Homer-Rezeption Anklang fand. Seine Aeneis ist bekanntlich ein Spiegel beider homerischer Epen.
Wie sehr man die Ilias und die Odyssee nicht nur in Athen, sondern auch in Rom verinnerlicht hatte, mag ein kurios erscheinendes Beispiel belegen. Im achten Buch der Aeneis verwendet Vergil die seltene Vokabel molaris („zur Mühle gehörig), ein Adjektiv, dem als Bezugswort das Substantiv lapis („Stein) fehlt: vollständig also „der Mühlstein. Auch ohne lapis lässt sich molaris für sich genommen verstehen und dürfte einen „mühlsteinartigen Brocken meinen. Bei Vergil wird der Kampf zwischen Hercules und dem Monstrum Cacus geschildert. Hercules gebraucht dabei alles an Waffen, was ihm gerade in die Hände kommt, und „rückt ihm mit Ästen zuleibe und mühlsteingewaltigen Blöcken (Aen. 8,250: ramis vastisque molaribus instat). Die Vokabel molaris kommt nur an dieser Stelle im Werk Vergils vor; d.h. sie ist ein vergilisches hapax legomenon. Im zwölften Buch der Ilias, V. 161 findet sich mit μύλαξ (sc. λίθος) das gleiche Adjektiv. Dort wird der Kampf zwischen den zu diesem Zeitpunkt überlegenen Troianern und den sich verzweifelt wehrenden Griechen beschrieben. Die Griechen werfen Steine auf die Troianer herab: Es „erklangen dumpf die Helme/getroffen von Mühlsteinen (βαλλομένων μυλάκεσσι). Die Vokabel μύλαξ – wie bei Vergil auch hier in den Plural gesetzt und dem lateinischen Ablativ entsprechend als instrumentaler Dativ fungierend – kommt ebenfalls nur einmal im gesamten Werk Homers vor.
Wir können hier mit einigem Erstaunen feststellen, dass Vergil ein hapax legomenon aus dem Versbestand der homerischen Epen entlehnt, um es selbst auch nur einmal zu verwenden, möglicherweise ein dem römischen Publikum dezent gegebener Hinweis auf intime Homer-Kenntnis.1 Vergil kannte seinen Homer vom ersten bis zum letzten Vers.
Homer heute
So viel intime Kenntnis wird man heute nicht mehr erwarten oder goutieren können. Doch die Epen wirken immer noch nach, sei es in der Literatur, sei es auf der Bühne oder im Film. Eine gute Zusammenfassung der Homerrezeption von der Antike bis zur Gegenwart findet sich in dem von Rengakos/Zimmermann herausgegebenen Homer-Handbuch.2
Nicht zuletzt aber sind Ilias und Odyssee und der Troiamythos als solcher in einigen Metaphern und Metonymien vertreten. Man spricht davon, eine „Odyssee hinter sich zu haben, wenn etwas (nicht unbedingt nur eine Reise) lange dauerte und voller Ungewissheiten war. Auch...

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