10. – 12. Schuljahr

Sven Rausch

Mikroskopisches Lesen mit Homer und Brad Pitt

Anhand von drei Textstellen erhalten die Schülerinnen und Schüler einen Einblick in die Ilias. Sie untersuchen den homerischen Text im Vergleich mit dem Troja-Film von Wolfgang Petersen. Dabei gehen sie unter anderem der Frage nach, was den Menschen in der Ilias zu seinen Handlungen bewegt.

Hinsichtlich des Themas „Homer im Griechischunterricht wird oft die These vertreten, dass die Odyssee als Textgrundlage eine bessere Wahl sei als die Ilias, weil die Odyssee als sprachlich leichter gilt und zudem als inhaltlich interessanter für Jugendliche. An dieser Ansicht ist vieles richtig. Gleichwohl lädt der Troja-Film von Wolfgang Petersen (2004) zu einer Beschäftigung auch mit der Ilias ein, genauer: zu einem Vergleich zwischen dem Film und der homerischen Textgrundlage .
Zu diesem Thema und seiner Behandlung im Unterricht sind bereits einige Beiträge erschienen,1 und in der Tat fallen die Unterschiede zwischen Text und Film auf der Makroebene schnell ins Auge: Fehlen der Götter, Tod des Menelaos gleich im ersten Zweikampf, Chryseis kommt gar nicht vor usw.
In der hier vorgestellten Unterrichtseinheit wurden dagegen einige Untersuchungen auf der „Mikroebene, d.h. Textebene unternommen, die zu Beobachtungen führten, die das Interesse der Schülerinnen und Schüler weckten.
Inhaltliches: Die Textstellen
Warum gibt es zwei unterschiedliche Anfänge des Troja-Films?
Den „Troja-Film gibt es in zwei Versionen: in der kürzeren Kinofassung (2h 36min) und im „Directors Cut, der von Wolfgang Petersen selbst präferierten längeren Variante (3h 08min).2 Gleich in der ersten Szene fallen deutliche Unterschiede ins Auge: Die Kinofassung beginnt mit einer Landschaftsaufnahme, danach kommt ein großes Heer ins Bild. Im Directors Cut sieht der Zuschauer dagegen zunächst einen Hund eine Zeit lang durch die Landschaft laufen. Plötzlich findet er eine schon recht entstellte menschliche Leiche, auf der mehrere Krähen sitzen und das Fleisch fressen. Der Hund verscheucht die Vögel und leckt das Gesicht der Leiche. Dann stockt er, weil er ein Geräusch hört: Das Geräusch des in der Ferne herannahenden Heeres, auf das – erst jetzt geblendet wird.
Die beiden Versionen des Filmanfangs werden mit den Schülern unter der Fragestellung geschaut: „Beschreibt die Unterschiede und erläutert mit Textbelegen aus dem Proömium der Ilias, was sich Petersen bei ‚seiner Version gedacht hat . Voraussetzung dafür, dass ein Film-Film-Vergleich im Griechischunterricht Platz findet, ist stets der konkrete Bezug zum Originaltext. In meinem Unterrichtsversuch habe ich die Schüler das Ilias-Proömium erst nach den Filmausschnitten übersetzen lassen, um durch die obige Fragestellung Motivation zu erzeugen (Material 1 ). Denkbar ist jedoch auch, das Proömium zuerst zu übersetzen und danach die Filmvarianten zu analysieren.
Die Schüler werden, wenn die Übersetzung erst einmal geschafft ist, gut und textbasiert herausarbeiten können, dass Petersen im Anfang seines Filmes bemerkenswert präzise auf den Ilias-Text anspielen wollte, indem er nämlich Homers Worte „πολλὰς δ ἰφθίμους ψυχὰς ῎Αϊδι προΐαψεν / ἡρώων, αὐτοὺς δὲ ἑλώρια τεῦχε κύνεσσιν / οἰωνοῖσί τε πᾶσι (Il. 1,3 – 5) filmisch umsetzte (mit Hunden und Vögeln, die einen Leichnam fressen). In der Kinofassung wurde dies gestrichen.3
Was bewegt den Menschen zu seinen Handlungen bzw. Planänderungen?
Im Gegensatz zu diesen filmisch gelungenen Anspielungen von Petersen auf das Proömium ist eine der m.E. schwächsten Szenen des Films der Streit zwischen Achill und Agamemnon. Nachdem Letzterer in der Ilias Achills Kriegsgefangene Briseis für sich beansprucht hat, zückt Achill bereits seine Waffe, um Agamemnon zu töten, tut es dann aber doch nicht. Wenn Brad Pitt in dieser Szene einen „inneren Konflikt darstellen wollte/sollte, so gelingt ihm das nicht, zumal er den Blick die meiste Zeit von der Kamera weg auf den Boden...

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