8. – 13. Schuljahr

Niklas Holzberg

Möglichkeiten und Grenzen der Versübersetzung am Beispiel der Ilias Homers

Roland Hampe erhebt mit seiner Reclam-Übersetzung von Homers Ilias den Anspruch, es handle sich um eine metrische Wiedergabe in modernes Deutsch. Da heutzutage kaum noch Versübersetzungen verfasst werden, wird Hampes Version anhand systematisch ausgewählter Beispiele mit Wolfgang Schadewaldts Prosaübersetzung und Kurt Steinmanns metrischer Verdeutschung verglichen. Es zeigt sich, dass Hampes Version entgegen seiner Aussage nicht mehr zeitgemäß ist, diejenige Schadewaldts stellenweise Verständnisschwierigkeiten bereitet und diejenige Steinmanns, die aber noch verbessern werden könnte, heutigen Erwartungen am nächsten kommt.
Ein Vergleich ausgewählter Versionen
Meine Ausführungen gehen von einer Frage aus, die ich mir stellte, nachdem ich Vergils Bucolica, Georgica und Aeneis sowie Ovids Metamorphosen entgegen dem Zeittrend für die Sammlung Tusculum in deutsche Hexameter übersetzt hatte (Berlin: De Gruyter 2015 – 2017). Ginge das mit der Ilias auch? Wie jeder weiß, kann man in Prosa jeden antiken Text denkbar wörtlich wiedergeben, während der gebundenen Sprache Grenzen gesteckt sind. Im Falle der Ilias setzte Wolfgang Schadewaldt mit seiner Wiedergabe in leicht rhythmisierter Form von 1975 neue Maßstäbe.1 Doch nach wie vor behaupten sich daneben metrische Übersetzungen. Die Ilias Hans Rupés von 1947 in der Tusculum-Bücherei (München: Heimeran) erlebte 2013 die 16. Auflage (Berlin: De Gruyter). Daneben gibt es Roland Hampes Ilias von 1979 in Reclams Universal-Bibliothek, ebenfalls mehrfach nachgedruckt.2 Hampe behauptet im Nachwort, er verwende nicht die seit Johann Heinrich Voß (1751 – 1826) in Versübersetzungen gebräuchliche klassizistische Sprache, sondern modernes Deutsch. Gleichzeitig erklärt er, Schadewaldt habe sich bei der Wahl einer Prosa in freien Rhythmen von einer „Selbsttäuschung verleiten lassen, und betont, „auf die metrische Einbindung in den Hexameter könne „nicht verzichtet werden (S. 564). Es ist mithin zunächst zu fragen, ob seine unzeitgemäße Entscheidung für eine Wiedergabe der Ilias in deutschen Hexametern zu einer optimalen Lösung des Problems geführt hat.
Ilias-Übersetzungen auf dem Buchmarkt
Für eine kritische Auseinandersetzung mit Hampes Ilias gibt es einen guten Grund: Sie ist unter den zurzeit im Handel erhältlichen jüngeren metrischen Übersetzungen mit Abstand am billigsten, ja für Schüler und Studenten einzig erschwinglich. Denn für Rupés Tusculum-Ausgabe müssten sie 79,95€ und für den Folio-Prachtband Kurt Steinmanns (2017)3 99,00€ bezahlen, Hampe dagegen bekommen sie für 8€. Schadewaldts Insel-Taschenbuch liegt mit 11€ nicht viel darüber, aber zu dieser Übersetzung ist jetzt Folgendes zu sagen: Gewiss, Hampes Behauptung, sie sei das Ergebnis einer „Selbsttäuschung, ist zurückzuweisen; als sie vor 43 Jahren erschien, war sie das Beste, was bisher auf dem Gebiet der Homer-Verdeutschung geleistet worden war. Andererseits übersetzt Schadewaldt den Homer-Text so überwörtlich, dass nur Fachleute sie adäquat würdigen können, während Laien besonders heute große Verständnisschwierigkeiten haben. Denn mit seiner Nachahmung der homerischen Diktion verlässt er die Basis der vom Duden vorgegebenen Sprachnorm: Er bietet zahlreiche Lehnübersetzungen, also Neologismen wie gleich in 1,14 „Ferntreffer für ἑκηβόλος, behält den griechischen Satzbau und die griechische Wortfolge so weit wie möglich bei und verwendet zahlreiche Lexeme, die schon vor 300 Jahren von den Lesern der Voßschen Übersetzung als veraltet empfunden wurden.
Bedenkt man nun, dass in unserer Zeit speziell bei den Angehörigen der jüngeren Generation die Sprachkompetenz sich verschlechtert hat, stellt sich die Frage nach der Qualität von Hampes preiswerter Reclam-Ilias besonders eindringlich. Denn die Tatsache, dass der gymnasiale Griechischunterricht vom Aussterben bedroht ist und jetzt schon die Textmengen,...

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