11. – 13. Schuljahr

Marcel Humar

Mythenrezeption bei Rilke und Kafka

Die Sirenen Homers transformiert und korrigiert

Ausgehend von den Beschreibungen der Sirenen in der Odyssee befassen sich die Schüler mit zwei Rezeptionsdokumenten (Rilke und Kafka), die verschiedene Stufen der Transformation des Mythos aufweisen. Abschließend wird der Begriff der Mythenkorrektur eingeführt und thematisiert, welcher Rezeptionstext diesem Typus entspricht und worin die Besonderheit einer Mythenkorrektur liegt.

Die Rezeptionsgeschichte der homerischen Epen oder einzelner Episoden ist vielfältig und facettenreich.1 Der vorliegende Beitrag konzentriert sich auf die kurze Beschreibung des Abenteuers bei den Sirenen2 und bietet zunächst Materialvorschläge zur Analyse der beiden einschlägigen beschreibenden Partien in der Odyssee. Ein Teil wird dabei mit Übersetzungshilfen angeboten (Od. 12,39 – 46), der andere Teil zweisprachig mit deutscher Übersetzung (Od. 12,181 – 191). Während der zu übersetzende Text die Gefahr der Sirenen und ihre „Waffen deutlich macht, weist die Gestaltung der zweisprachigen Partie besonders deutlich auditive Elemente auf, die – ganz dem Wesen der Sirenen entsprechend – in den wenigen Versen präsent sind: So stimmen sie ihren Gesang an (183: λιγυρὴν δ᾽ ἔντυνον ἀοιδήν); auch die Stimme der Sirenen (ὄψ) wird zweimal genannt (185; 187) und mit einem entsprechendem Attribut (honigsüß: μελίγηρυς) versehen. Des Weiteren versprechen sie, dass derjenige, der zu ihnen kommt, Wissen erlangen wird. Damit zeichnet Homer ein deutliches Bild von den Sirenen und ihrer Wirkung.3
Der zweite Materialteil beinhaltet zwei Rezeptionsdokumente (Rilke und Kafka), die einzeln analysiert und zu der literarischen Vorlage in Beziehung gesetzt werden. Dem zweiten Materialteil sollte eine Arbeitsdefinition für den Begriff der Antikenrezeption vorausgeschickt werden, etwa die Definition von Landfester, M./Hinz, B. in der Enzyklopädie der Neuzeit Online: „Der Begriff der A[ntikenrezeption]. bezeichnet die Aufnahme und Aneignung von Wissen aus den Wirklichkeitsbereichen des paganen griech.-röm. Altertums in analogen und verwandten Zusammenhängen nachantiker Nationen und Kulturen sowie in den Altertumswissenschaften. Auch im Unterricht selbst entwickelte Definitionen sind aber denkbar.
„Die Insel der Sirenen (Rilke)
Die Rezeption von literarischen Motiven kann bisweilen sehr unterschiedlich gestaltet sein (über die Aufnahme des Motivs bis hin zur vielschichtigen Transformation von Inhalten): So zeigt die Analyse der Rezeptionstexte deutlich, dass der Vorgang der Rezeption immer mit dem Prozess der Transformation verknüpft ist: Das Gedicht „Die Insel der Sirenen von Rainer Maria Rilke aus dem Jahr 19074 verzichtet auf konkrete Darstellungen von Inhalten der Odyssee. Weder Odysseus noch die Sirenen werden – abgesehen von dem Titel – namentlich genannt. Einzig die Unwiderstehlichkeit der Sirenen und die Gefahr sind das gemeinsame Motiv; doch worin diese begründet sind, bleibt bei Rilke offen. Sofort fällt auf, dass in dem Text kaum auditive Elemente (anders als bei Homer) zu finden sind; im Gegenteil: der Aspekt der Stille wird mehrfach betont („lautlos und „Stille). Rilke setzt ferner vielmehr auf visuelle Begriffe: Das „blau gestillte Inselmeer sowie die „Vergoldung der Inseln provozieren beim Leser ein Bild vor Augen. Die Ebene des Sehens wird vermehrt aufgerufen. Durch den Konjunktiv bleibt bis zuletzt unklar, ob es die Sirenen wirklich gibt („als wäre ihre andere Seite der Gesang, dem keiner widersteht). Des Weiteren sind jegliche konkrete, mythische Darstellungen wie die Gestalt der Sirenen und deren Grausamkeit sowie die zauberhafte Wirkung des Gesangs verschwunden. Stattdessen setze Rilke nach Ansicht eines Interpreten auf Realismus: „Rilke streicht aus der Mythen-Episode alles aus, was in einem modernen Verständnis als realitätsfern verstanden werden könnte.5 Damit gelingt es Rilke, den Mythos um die Sirenen...

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