10. – 11. Schuljahr

Jolanta Aschenbrenner

Penelope und Oenone, zwei homerische Frauenfiguren

Exemplarisch für die Antike oder immer noch aktuell?

Ovid gab mit Oenone und Penelope zwei sehr verschiedenen Frauen des trojanischen Sagenkreises eine Stimme. Die Schüler erarbeiten die Situation und Charaktere der beiden Frauen in den Heroides-Briefen und reflektieren über die unterschiedlichen Möglichkeiten, mit Schicksalsschlägen umzugehen.

Die Armenierin Gohar Markosjan-Kasper beschreibt in ihrem Roman „Penelope. Die Listenreiche (2002), wie eine Penelope an einem kalten Novembertag des Jahres 1994 in Jerewan, im fernen Armenien, auf ihren Odysseus wartet. In der von Erdbeben und Krieg erschütterten Stadt sehnt sich diese nach einer warmen Dusche und nach ihrem Verlobten Armén, der im Kampfgebiet bei Berg-Karabach Verwundete operiert und dessen Heimkehr Tag für Tag ungewiss ist. Ihr Versuch, sich einen Weg durch diesen katastrophenzerrütteten Tag und alle seine Gefahren zu bahnen, ist ihre eigene Odyssee.
Die Kanadierin Margaret Atwood hinterfragt in ihrem Werk „Die Penelopiade (2005) aus heutiger feministischer Perspektive, ob es denn richtig gewesen sei von Odysseus und Telemachos, die zwölf Mägde der Penelope, die sich mit den Freiern eingelassen hatten, zu ermorden.
Der Ire James Joyce übertrug in seinem Monumentalwerk „Ulysses (2004) den Stoff der Odyssee auf den 16. Juni 1904, einen Tag im Leben des Dubliner Anzeigenakquisiteurs Leopold Bloom und gestaltete dessen Irrgänge durch Dublin.
Die literarische Aktualität der Odyssee und die Relevanz ihrer Themen und Figuren scheint auch heute unbestritten; an den Beispielen der Penelope und Oenone soll im Folgenden die Relevanz Homers und der von ihm geschaffenen epischen Welt auch für heutige Schüler vorgestellt werden.
Homers Ilias und Odyssee ihre Bedeutung für die lateinische Antike und für heutige Schüler
Paris und die Geschichten, die rund um ihn und Helena, den Trojanischen Krieg und die Nachwehen des Krieges – so z.B. die großen Irrfahrten des Odysseus und Aeneas – entstanden sind, beschäftigten die griechische und römische Antike. Der Urvater dieser Geschichten ist Homer mit seinen beiden im 7. bzw. 8. Jh. v.Chr. entstandenen Epen Ilias und Odyssee.2 Wie essenziell diese beiden Texte für die Antike waren, zeigt z.B. das römische Nationalepos Aeneis, das Vergil (70 v.Chr. – 19 v.Chr.) im Auftrag Octavians (63 v.Chr. – 14 n.Chr.) verfasste. Hier wurde die Geschichte des Trojaners Aeneas aus römischer Perspektive fortgeschrieben: Aeneas floh aus dem zerstörten Troja, um im Latium (dem heutigen Mittelitalien) eine neue Heimat zu finden. Aeneas wird somit zum Stammvater der Römer und mit ihm wird die translatio imperii – von Griechenland nach Rom – begründet. Mit Aeneas schafft Vergil das Vorbild für die römischen Herrscher, deren Haupttugend die pietas, das Pflichtbewusstsein, sein soll, und rechtfertigt die Alleinherrschaft der römischen Kaiser.
Rezeption von Ovid bis Boccaccio
Auch Ovid (43 v.Chr. – ca. 17 n.Chr.) griff immer wieder auf den Stoff Homers zurück, sei es in den Metamorphosen, den Heroides-Briefen oder den Tristien, in denen er sich mit dem fern der Heimat irrenden Odysseus identifizierte. In der Renaissance nahmen die frühen italienischen Dichter, allen voran Dante Alighieri (1265 – 1321) und Giovanni Boccaccio (1313 – 1375), homerische Stoffe und literarische Formen als Vorbild für ihre Werke. Dante bezeichnet Homer in der Vorhölle seiner Divina Commedia (inferno 4,88) als „Omero, poeta sovrano („Homer, der höchste Fürst der Dichter).3 Boccaccio nimmt u.a. mit seiner Sammlung literarischer Porträts berühmter Frauen, De mulieribus claris, Bezug auf Homer. Das Interesse am Stoff des Homer bestand und besteht ununterbrochen bis heute.
Textvergleich im Lateinunterricht
Allerdings wird Griechisch heute nur noch selten an Gymnasien unterrichtet, sodass die Schüler Homer und seine Helden über die Rezeption der Stoffe der Ilias und...

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