7. – 12. Schuljahr

Carolin Lenz

Schüler als Aoiden

Kreative Umsetzung der oral poetry mit dem Schwerpunkt auf Homers Ilias

Die Besonderheiten der homerischen Dichtung kennenzulernen und sie in die antike Tradition der oral poetry einordnen zu können, ist ein wichtiges Element der Homer-Lektüre. Im Zentrum des hier vorgestellten Projekts steht die mündliche Dichtkunst der Aoiden, auf deren Spuren sich die Schüler bei einer kreativen Umsetzung von Homers Ilias begeben.

Die homerische Dichtung weist einige Besonderheiten auf: Immer wieder wiederholen sich Szenen, manchmal sogar wortwörtlich, viel häufiger noch Verse oder Teilverse, Götter und Menschen werden mit Epitheta (Beinamen) versehen. Diese Besonderheiten werden in der Forschung als Merkmale mündlicher Dichtkunst der sogenannten oral poetry – angesehen. Homer und seiner Dichtung gehen mehrere Jahrhunderte der Schriftlosigkeit voraus:1 In diesen sogenannten dark ages sorgten Sänger (Aoiden) an den Königshöfen für Unterhaltung. Sie waren anscheinend imstande, spontan über jede beliebige mythologische Erzählung zu „singen. Dazu verwendeten sie einen rhythmisierten Sprechgesang: den Hexameter. Durch ihn gestützt und unter Verwendung von Formelversen und Wiederholungen konnten sie den Abend mit Erzählungen füllen. Wahrscheinlich zu Beginn des 8. Jahrhunderts übernahmen die Griechen das phönizische Alphabet und entwickelten es weiter. Mit seiner weiteren Verbreitung fand es schließlich mit Homer und Hesiod2 auch Einzug in den literarischen Bereich, mit Homer insbesondere in den Bereich der Heldendichtung. Epen wurden fortan nicht mehr improvisiert vorgetragen, sondern von den sogenannten Rhapsoden schriftlich festgehalten und ggf. auswendig gelernt.
Homer, der in der Tradition der mündlichen Dichtkunst steht , die Tradition der oral poetry selbst und die Entwicklung von den Aoiden zu den Rhapsoden sind Bestandteil des regulären Griechischunterrichts.
Ziel der Unterrichtseinheit ist es, dass die Schüler über die Theorie hinaus ein Gespür für rhythmisches Dichten und die Technik der Aoiden entwickeln. Meist reagieren Schüler skeptisch und beeindruckt, wenn sie erfahren, dass die Aoiden anscheinend ganze Mythen abendfüllend im Hexameterrhythmus spontan und ohne schriftliches Hilfsmittel vortragen konnten. Um ihnen einen Eindruck von der Vorgehensweise und dem Können der Aoiden zu vermitteln, ist das Ziel, die Schüler selbstständig ein Theaterstück mit oral-poetry-Elementen entwickeln zu lassen.
Ausgewählt wurde dafür Homers Ilias. Meistens findet die Odyssee mehr Berücksichtigung während der Originallektüre, sodass diese Einheit den Schülern auch Gelegenheit bietet, über die oral poetry hinaus die Struktur und den Inhalt der Ilias kennenzulernen und zu interpretieren.
Die Unterrichtseinheit fand während einer Wochenendveranstaltung3 statt; die Unterrichtsschritte können aber problemlos an den Rahmen der regulären Unterrichtsstunden angepasst werden.
Ablauf der Unterrichtseinheit
  • Die Schüler erhalten einen Einblick in die Tradition der oral poetry.
  • Die Schüler erarbeiten sich einen Überblick über den Troia-Mythos.
  • Die Schüler interpretieren die Ilias.
  • Die Schüler entwerfen ein Theaterstück unter Berücksichtigung der oral-poetry-Elemente und setzen es kreativ um.
In dieser Unterrichtseinheit arbeiten die Schüler mit möglichst wenig Input möglichst selbstständig. Trotzdem sind die Unterrichtsschritte durch den engen Zeitrahmen (s.u.) stark vorstrukturiert. Im Rahmen einer Unterrichtssequenz über mehrere Wochen wäre es auch möglich, daraus eine projektorientierte Gruppenarbeit im Sinne von Drumm/Frölich4 zu konzipieren.
Im Folgenden werde ich auf die einzelnen Phasen der Unterrichtseinheit näher eingehen:
Vertiefter Einblick in die Tradition der oral poetry
Dieser Bereich wurde an unserem Wochenendcamp durch den Fachvortrag unseres Referenten Herrn Dr. Musäus, Universität Greifswald, gestaltet. Alternativ kann ein Vorlesungsbesuch an einer nahegelegenen...

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