12. – 13. Schuljahr

Karl-Heinz Niemann

Verstehen durch Vergleichen

Die Kalypso-Episode in der Odyssee (5,43 – 227) und der Dido-Aeneas-Disput in der Aeneis (4,259 – 396)

Die vergleichende Betrachtung dieser Erzählabschnitte während der Epos-Lektüre hilft den Schülerinnen und Schülern, zentrale Aussagen beider Werke zu erfassen und ihr Verständnis zu vertiefen. Gleichzeitig vermittelt sie ihnen einen Einblick in Zielsetzung und Technik literarischer Rezeption.

Das Vergleichen von Texten ist seit jeher ein gängiges Verfahren im Literaturunterricht, um die Interpretation von Textpassagen zu erleichtern oder zu vertiefen. Besonders angemessen erscheint dieses Verfahren, wenn einer der beiden Texte dem zeitlich späteren Autor bekannt war oder ihm bewusst als Vorlage gedient hat. Das ist bei den beiden oben genannten epischen Textpassagen, der Kalypso-Episode und dem Dido-Aeneas-Disput, der Fall. Sie sind auch in den meisten Unterrichtsvorschlägen zur Werklektüre von einem der beiden Epen enthalten: im Falle der Odyssee, weil hier der Titelheld zum ersten Mal persönlich in Erscheinung tritt und das zentrale Thema des Epos erörtert wird; im Falle der Aeneis, weil sich an der Dido-Aeneas-Episode Charakteristik und Leistung des Titelhelden und die Bedeutung seiner Werteordnung für die Entstehung und Entwicklung des späteren Römischen Reichs Schülerinnen und Schülern gut veranschaulichen lassen. So empfiehlt es sich sowohl für den Griechisch- als auch für den Latein-Unterricht, die jeweils andere Passage in die Lektüre einzubeziehen.1
Im ersten Fall wird es vorrangiges Ziel sein, die Schülerinnen und Schüler einen Einblick in das „Handwerk von Rezeption2 gewinnen zu lassen. Im Lateinunterricht hingegen wird bei der Aeneis-Lektüre ein Vergleich mit der Odyssee-Passage den Schülerinnen und Schülern zunächst einmal helfen, die Kernaussage Vergils in der Darstellung seines Titelhelden (neben Dido) zu erfassen und ihre Plausibilität zu beurteilen. Hinzutreten können dann Beobachtungen zu Aspekten der Intertextualität und Überlegungen zum Lesegenuss zeitgenössischer Aeneis-Leser, die die Odyssee-Vorlage im Hinterkopf hatten. Weil der zweite Fall in der Schulpraxis der häufigere ist, beziehe ich mich im Folgenden auf diese Variante.
Inhalt der beiden Textpassagen
Odyssee 5,43 – 227
Diese Passage untergliedert sich in drei Szenen:
  • Ankunft des Götterboten Hermes auf der Insel Ogygia und sein Gespräch mit Kalypso (43 – 148),
  • Gespräch zwischen Kalypso und Odysseus an der Küste des Meeres (149 – 191),
  • Gespräch zwischen Kalypso und Odysseus in der Höhle (192 – 227).
In der ersten Szene lassen die Beschreibung der idyllischen Landschaft, die Hermes auf dem Weg zu Kalypso voller Staunen durchschreitet, und die Umgebung ihrer Wohnung die göttliche Bewohnerin als Frau von Kultur und Bildung erscheinen.3 Kalypso begrüßt und bewirtet zunächst den Gast; dieser übermittelt ihr dann den Befehl des Zeus, Odysseus zur Heimfahrt nach Ithaka freizugeben. In ihrer Antwortrede wandelt sich Kalypsos anfängliche Empörung über Zeus Entscheidung schrittweise in eine einsichtsvolle Einwilligung um; schließlich sichert sie Hermes sogar zu, Odysseus Abreise zu unterstützen.
In der zweiten Szene sucht sie Odysseus, um ihm die neue Botschaft mitzuteilen. Sie findet ihn, wie er weinend an der Küste sitzt, aufs Meer hinaus blickt und sich nach Heimkehr sehnt . Kalypso kündigt ihm an, ihn nun bereitwillig zu entlassen und ihm die notwendigen Hilfsmittel für die Heimreise zur Verfügung zu stellen. Odysseus reagiert auf diese Ankündigung jedoch misstrauisch und fordert von Kalypso den Eidschwur ein, dass sie mit diesen Maßnahmen kein Unheil für ihn im Sinne habe. Über seine wache Vorsicht lächelnd, leistet sie den gewünschten Eid.4
In der letzten Szene sitzen beide in Kalypsos Höhle bei einer letzten gemeinsamen Mahlzeit zusammen. Im Bewusstsein des bevorstehenden Abschieds stellt die Göttin Odysseus noch einmal den Strapazen seiner Heimreise...

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