5. – 7. Schuljahr

Volker Berchtold

Alles Barbaren oder was?

Interkulturelles Lernen am Beispiel des Lehrwerks „Adeamus

Lateinunterricht ist nicht nur Sprachunterricht, sondern auch immer Literatur- und Kulturunterricht. Um die antiken Texte zu verstehen, müssen wir uns in sie hineinversetzen, wir müssen von eigenen Vorstellungen Abstand nehmen, um vorbehaltlos diesen Schöpfungen begegnen zu können. Wie dies schon in der Lehrbuchphase geschehen kann, zeigt dieser Beitrag.

Die Lehrbuchphase wird gemeinhin als Spracherwerbsphase bezeichnet, wodurch ihr Ziel auf das Erlernen der Sprache verengt wird. Dass es damit heutzutage nicht mehr getan ist, zeigen die Forderungen der Lehr- und Bildungspläne in Deutschland. Gleichwohl ist man als Lehrkraft oft versucht, dem Sprachlichen besondere Aufmerksamkeit zu widmen, und das aus gutem Grund: Für die Schülerinnen und Schüler stellt dies die größte Herausforderung dar. Umso wichtiger ist es, Spracharbeit bewusst nicht von der Kulturarbeit zu trennen, zumal sich dabei Synergieeffekte ergeben, die man nutzen kann: Wortschatz und Grammatik werden besser verstanden und behalten, wenn sie mit inhaltlichen Informationen verknüpft sind. Umgekehrt wird die Kulturarbeit besser verankert, wenn sie an konkrete sprachliche Erscheinungen gebunden wird. Zugleich entsteht Sensibilität für Sprachgebrauch allgemein – also, was das interkulturelle Lernen betrifft, z.B. für Zuschreibungen oder (ab)wertende Begriffe auch im Deutschen. Eine solche Verbindung von Sprach- und Kulturarbeit ist oft schon auf einfachster Ebene möglich. Selbst scheinbar simple Sprachübungen können die Möglichkeit bieten, über kulturelle Themen oder bestimmte Sichtweisen nachzudenken und sich zu positionieren. Damit können schon vor der eigentlichen Textarbeit sprachliche Fähigkeiten geübt und kulturelle Schemata verinnerlicht und reflektiert werden, was die Voraussetzung für eine ergiebige Auseinandersetzung mit der komplexen sprachlichen wie auch inhaltlichen Struktur lateinischer Texte darstellt. Solche Synergieeffekte lassen sich z.B. in Adeamus, Lektion 15 (Caesars Krieg in Britannien), für interkulturelles Lernen nutzbar machen.
Verbindung von Spracharbeit mit Kulturarbeit
Die ersten 20 Lektionen in Adeamus A umfassen eine auf dem Leben Ciceros basierende Romanhandlung. Jede Lektion ist gegliedert in eine Sachinfo- eine Einführungs- eine Übungs- und eine Lesetextseite.
In L 15 kehrt Quintus Cicero („Onkel Tullius) aus Britannien zurück, wo er als Unterfeldherr im Heer Caesars gekämpft hat und mit der fremden Kultur in Kontakt geraten ist. Im Lektionskontext wird Caesars De bello Gallico und seine tendenziöse Darstellung von Galliern, Germanen und Britanniern thematisiert, die alle Züge des Barbarischen und Wilden tragen – Ausdruck einer kulturchauvinistischen Haltung, die wohl nicht nur Caesar kennzeichnet, sondern allgemein bei den Römern verbreitet war.
Für die Lernenden stellt sich die Frage: „Alles Barbaren, oder was?. Im Durchgang durch die Lektion werden sie immer wieder dazu angehalten, Vorurteile als solche zu erkennen und sich entsprechend zu positionieren.
Wenn Vokabeln nicht „neutral sind: Wortschatzarbeit als Arbeit an kulturellen Inhalten
Bereits auf der Sachinfoseite wird das Thema multiperspektivisch dargestellt: Die Lernenden erfahren von der tendenziösen Haltung Caesars und lernen in diesem Zusammenhang lateinische Vokabeln wie etwa barbarus und ferus sowie bellum, pugnare, gens und constat kennen. Mithilfe der deutschen Bedeutungen der Vokabeln soll Caesars Verhältnis zu Galliern, Germanen und Britanniern beschrieben werden.
Mit dem darauf folgenden lateinischen Kurztext, der die eingeführten Vokabeln aufgreift und damit sichert, wechseln die Schüler die Perspektive und werden mit der Haltung der sogenannten „Barbaren konfrontiert: Diese verwahren sich dagegen, als feri bezeichnet zu werden und betonen ihr Recht auf libertas.
Hieran lassen sich vertiefende Aufgaben anschließen:...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen