5. – 13. Schuljahr

Markus Schauer

Altsprachlicher Unterricht und Interkulturalität: vom Modell zum Diskurs

Der altsprachliche Unterricht steht aufgrund der stark zunehmenden Migration und der damit zunehmenden Heterogenität der Lerngruppen vor neuen Aufgaben und Herausforderungen. Vor allem braucht es in Zeiten, in denen die Begründung des altsprachlichen Unterrichts mit dem Hinweis auf das europäische Erbe, das er vermittelt, als überholter Eurozentrismus angeprangert werden kann, eine neue Legitimierung. Hat der Latein- und Griechischunterricht noch eine Berechtigung, wenn „unsere Antike für einen immer größer werdenden Teil der Schülerinnen und Schüler eine fremde Antike einer ihnen fremden Kultur darstellt? Welchen Sinn hat es, historische, also tote Sprachen zu lernen, wenn bereits die gemeinsame Unterrichtssprache Deutsch einem Großteil der Lernenden übrigens durchaus auch deutschen Muttersprachlern Schwierigkeiten bereitet und in einer globalisierten Welt neben Englisch auch Sprachen wie Chinesisch und Spanisch eine immer wichtigere Rolle spielen? Und was kann der altsprachliche Unterricht zum Gelingen der Integration beitragen?
Auf diese Fragen muss die altsprachliche Fachdidaktik Antworten finden, wollen die alten Sprachen an der Schule noch eine Zukunft haben. Deshalb sei an den neuen Herausforderungen die Nagelprobe gemacht: Wenn es nämlich gelänge, nachzuweisen, dass der altsprachliche Unterricht für die aus unterschiedlichen Kulturen1 stammenden Schüler nachhaltige Vorteile mit sich brächte und innerhalb einer heterogenen Schülerschaft erheblich zur Ausbildung interkultureller Kompetenz2 beitrüge, dann wäre ihm ein sicherer Platz im Fächerkanon nicht nur des Gymnasiums, sondern auch der Gesamtschule garantiert.
Betrachten wir also im Folgenden3 unter dem Aspekt der Förderung von Integration und interkultureller Kompetenz die zwei großen Legitimationsstrategien für den Lateinunterricht: Latein als Reflexionssprache und Latein als Kultursprache, um anschließend einige weiterführende theoretische Überlegungen zum interkulturellen Lateinunterricht anzustellen.
Latein als Reflexionssprache
Latein wird in diesem Zusammenhang als „Modell von Sprache4 schlechthin betrachtet. Theo Wirth bemerkt dazu: „Allgemeine Erkenntnisse über Hintergründe von Sprache und Sprachen, Verständnis und Wissen von Sprache und Sprachen müssen ebenso Ziele und Inhalte des Sprachunterrichts sein. [] In dieser Ausrichtung verwirklicht Lateinunterricht ein sprachliches studium generale.5 Von diesen Überlegungen ausgehend gelang Stefan Kipf im Jahr 2008 in einer viel beachteten Feldstudie der empirische Nachweis, dass Jugendliche, die Latein lernten, über eine höhere deutsche Sprachkompetenz verfügten als jene, die keinen Lateinunterricht erhielten.6 Das Erstaunliche dabei war, dass dieses Ergebnis auch und gerade für Schüler nicht deutscher Herkunftssprache zutraf: Die Studie wurde in Kooperation mit der Ernst-Abbe-Oberschule in Berlin-Neukölln durchgeführt, deren Schüler zu diesem Zeitpunkt zu 90% eine nichtdeutsche Herkunftssprache aufwiesen.
Latein hat also gerade auch dort große Erfolge, wo man es nicht vermuten würde: in Schulen, deren Schüler aus ganz anderen Kulturen und Sprachwelten stammen. Kipf erklärt diesen Befund mit dem sprachbildenden Potenzial des Lateinunterrichts und betont, dass „das Lateinische [] als reflexionsbasierte Brückensprache zwischen Erst- und Zweitsprache fungieren und so den Zweitspracherwerb fördern (kann).7 Die Bedeutung von Latein als „Modell distanzierter Sprachbetrachtung8 besteht also darin, dass es gerade bei einer heterogenen Schülerschaft eine gemeinsame Brücke zur deutschen Sprache herstellen kann. Latein könnte sich also mit dem „Modell distanzierter Sprachbetrachtung gerade in der veränderten Schulwelt neu aufstellen. Der scheinbare Nachteil, der dem Fach vielfach zum Vorwurf gemacht wird, dass eine tote Sprache keine Funktion mehr erfülle, erweist sich im Konzept der...

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