10. – 13. Schuljahr

Jan Weidauer

Der römische Blick auf die Germanen

Die literarische Konstruktion römischer Identität durch die Abgrenzung von fremden Völkern

Die Schülerinnen und Schüler analysieren antike ethnographische Literatur über die Germanen (Caesar, De bello Gallico und Tacitus, Germania) und reflektieren so die Konstruktion von Selbst- und Fremdbildern.

Die Germanen erscheinen in der römischen Literatur als exemplarische Vertreter der antiken Nordbarbarendarstellungen, deren zentrale Topoi feritas, Unkultur und Gewalt sowie räumliche und zeitliche Entfernung zur römischen Zivilisation sind.1 Diese literarischen Repräsentationen barbarischer Alterität erlauben aufgrund ihrer ethnozentrischen Perspektive eher Rückschlüsse auf moralische, politische und soziale Orientierungsbedürfnisse der Römer, als dass sie uns die reale Kultur der antiken germanischen Völker näherbringen. Die Lektüre römischer ethnographischer Schriften über die Germanen ermöglicht Schülerinnen und Schülern, interkulturelle Kompetenz im Prozess historischer Kommunikation aufzubauen. Die Lernenden setzen sich mit den uns „nächsten Fremden auseinander, indem sie deren Blick auf Fremde analysieren. Dadurch erkennen sie, wie in antiker ethnographischer Literatur ein verzerrtes Bild einer fremden Kultur erzeugt wird, und hinterfragen, wie eigene (römische) Orientierungsbedürfnisse und Stereotype das Bild anderer Völker (ver)formen. Neben dieser reflexiven Dimension interkultureller Kompetenz kann die Unterrichtsreihe auch Anlässe bieten, gegenwärtige gesellschaftliche Konflikte zu diskutieren.
Die Germanen in der Tradition der antiken Nordbarbarendarstellung
Versteht man interkulturelle Kompetenz als vorurteilsfreie und reflektierte Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturen, Perspektivwechsel sowie das Bewusstsein der Relativität eigener Werte, müsste den antiken Autoren ethnographischer Porträts diese Kompetenz abgesprochen werden. In einer Sklavenhaltergesellschaft, die sich selbst kraft ihrer moralischen Superiorität als zur Weltherrschaft bestimmt betrachtete,2 wäre eine solche Haltung auch kaum erwartbar. Ausführlich äußern sich zu den Germanen Caesar in den ethnographischen Exkursen des Bellum Gallicum sowie Tacitus in der Germania. Allerdings lässt sich das in den Texten konstruierte ethnographische Wissen über fremde Völker nicht einfach als das Andere, Abzulehnende und Schlechtere qualifizieren.
Caesars Germanen existieren fernab jeglicher Zivilisation, aber sie zeichnen sich zugleich durch unbändige Kampfkraft und eiserne Disziplin aus. Somit besitzen sie kriegerische virtus3 und erscheinen als respekteinflößende militärische Kontrahenten. Tacitus hingegen zeichnet ein ambivalentes Bild der Germanen: Einerseits liegen sie faul herum, während Frauen und Alte arbeiten, und verlieren sich im Glücksspiel und Alkoholrausch, der auch zum versehentlichen Totschlag führen kann; andererseits erweisen sie sich als äußerst tapfer und treu im Krieg und schützen ihre von sittlicher Reinheit gekennzeichnete familiäre Schicksalsgemeinschaft. Exzellenz im Krieg sowie Zivilisationsferne attestieren beide Autoren den Germanen, jedoch überwiegen die Unterschiede in der Darstellung.
Vor Caesar4 existierten im römischen Vorstellungshorizont zwei Gruppen nördlicher Barbaren, die Skythen und die Kelten,5 die grundsätzlich als naturnah lebende und den Krieg liebende Nomaden imaginiert wurden. Gemäß der Klimazonentheorie6 neigten sie zum Zorn und besaßen keine Ausdauer für längerfristige, zielgerichtete Tätigkeit. Im Umkehrschluss definierten sich die Römer selbst, an die Griechen anschließend, als maßvoll und vernunftbegabt, fähig sich selbst und andere zu beherrschen.7 Dieses ethnographische Wissen wurde in unterschiedlichen literarischen Gattungen zitiert und neu kontextualisiert,8 sodass auch Caesar und Tacitus, sich auf dieselbe literarische Tradition stützend, stark abweichende Fremdbilder erzeugen.
Antiker Orientalismus: „Borealismus
In...

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