9. – 12. Schuljahr

Stephan Flaucher

„Hi si didicerint non eadem omnibus esse honesta et turpia

Toleranz gegenüber anderen Kulturen in der Praefatio des Cornelius Nepos

Die Schülerinnen und Schüler setzen sich mit Nepos Praefatio auseinander und arbeiten seine Sichtweise auf die Sitten der Griechen und Römer und seine Forderung zum Umgang mit anderen Kulturen heraus.

Cornelius Nepos wurde lange Zeit von der Fachwissenschaft wegen seines vermeintlich fehlenden Tiefgangs und bescheidenen literarischen Talents nicht besonders geschätzt, galt aber trotzdem aufgrund seiner nicht zu schwierigen Sprache als typischer Schulautor. In den letzten gut 30 Jahren hat er eine positive Neubewertung erfahren. Auch heute gehört er nach wie vor zu den gängigen Autoren in der Mittelstufe. In der Regel beschränkt sich die Lektüre auf Auszüge aus seinen Biografien, insbesondere die des Hannibal. Aber auch für seine Praefatio zu den Feldherrenviten, in der er sich zu den Grundsätzen äußert, nach denen er das Berichtenswerte zu den einzelnen Personen ausgewählt hat, lohnt eine Betrachtung (Material 1 ).
Griechen sind anders und Römer auch
Gleich zu Beginn erklärt Nepos, dass er davon ausgehe, dass viele seiner Leser (plerosque) seine Darstellung nicht für angemessen halten werden, wenn sie läsen, wer Epaminondas aus Theben, einen berühmten Feldherrn , in Musik unterrichtet habe, oder wenn unter dessen Vorzügen erwähnt werde, dass er ein eleganter Tänzer und geschickter Flötenspieler gewesen sei. Diese mögliche Kritik weist der Autor dann sogleich zurück: Dies werde in der Regel (fere) nur bei Menschen vorkommen, die keine Ahnung von der griechischen Kultur hätten (expertes litterarum Graecarum) und nur für richtig hielten (nihil rectum, nisi), was mit ihren eigenen Sittenvorstellungen übereinstimme. Wenn sie eingesehen hätten, dass nicht bei allen die gleichen Maßstäbe gälten (non eadem omnibus esse honesta atque turpia), sondern jeweils die Bräuche der Vorfahren entscheidend seien (maiorum institutis iudicari), würden sie sich nicht mehr wundern, dass er die Darstellung der Vorzüge der Griechen an deren Sitten ausgerichtet habe. Nepos illustriert seine Sichtweise an weiteren, sehr plakativen Beispielen. Für Kimon, einen hoch angesehen Athener, sei es nicht schändlich gewesen, mit seiner Schwester verheiratet gewesen zu sein, weil dies bei seinen Mitbürgern üblich gewesen sei. Nach römischen Maßstäben eine Ungeheuerlichkeit, die eine schreckliche Verfehlung darstellt (nefas). Auf Kreta sei es ehrenvoll (laudi ducitur), wenn die jungen Männer möglichst viele Liebhaber gehabt hätten. In Sparta sei jede Witwe bereit, für Geld bei einem Gastmahl als Unterhalterin aufzutreten. In fast ganz Griechenland habe es als sehr ehrenvoll (magnis in laudibus fuit) gegolten, als Olympiasieger ausgerufen zu werden, ebenso auf einer Bühne vor dem Volk aufzutreten. Bei den Römern hingegen fielen sie in die Kategorie „schändlich oder zumindest „unfein und würden als unanständig angesehen (partim infamia, partim humilia atque ab honestate remota ponuntur). Nachdem er bisher griechische Bräuche aufgezählt hatte, die bei den Römern auf Unverständnis stießen, wechselt Nepos nun die Perspektive. Auch bei den römischen Sitten gebe es einige, die ihrer eigenen Meinung nach schicklich seien (sunt decora), bei den Griechen als schändlich gälten (turpia putantur). Kein Römer schäme sich, seine Frau zu einem Gastmahl mitzunehmen oder empfinde es als anstößig, wenn sich die Hausherrin im zugänglichen Teil des Hauses aufhalte, wo sie Kontakt mit Besuchern habe. In Griechenland seien Frauen nur bei Gastmählern mit Verwandten zugelassen und hielten sich ansonsten im inneren Teil des Gebäudes, dem Frauentrakt, auf, zu dem nur Familienangehörige Zugang hätten. Nepos erweckt den Eindruck, dass es noch viele weitere Punkte dieser Art gebe, wenn er sagt, dass ihn der Umfang seines Werks und seine Ungeduld, endlich mit seinem Vorhaben zu beginnen, daran...

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