5. – 13. Schuljahr

Johanna Nickel

Wir und die anderen die anderen und wir?

Interkulturalität im altsprachlichen Unterricht

Ohne Zweifel leben wir in einer in vielerlei Hinsicht heterogenen und sich auch weiterhin permanent wandelnden Gesellschaft. Ein Aspekt dieser Heterogenität ist – neben vielen weiteren wie Sprache, Geschlecht, Religion, Körper, Geist, soziale Herkunft – Kultur. Als Ursachen einer kulturbezogenen Gesellschaftsentwicklung werden gewöhnlich das Ende des Kolonialismus, die Gastarbeiterbewegung, die Auflösung der Sowjetunion und allgemein Globalisierung und Migration angesehen.1 Dazu entwickelte sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts die Erforschung von „Interkulturalität in unterschiedlichen Forschungsdisziplinen, z.B. in einer interkulturellen Germanistik, einer interkulturellen Philosophie sowie in literaturdidaktischer Forschung zu englischer Literatur.2 Bedeutet nun der Versuch, die Fächer Latein und Griechisch auf Möglichkeiten interkulturellen Lernens zu untersuchen, eine unbotmäßige Aktualisierung antiker Texte und Inhalte oder gar eine bloße Reaktion auf einen Modebegriff? In kultureller Hinsicht heterogen ist nicht nur „die Gesellschaft sondern auch die Schüler- und Lehrerschaft, die aus ihrer Lebenswelt heraus antike Literatur rezipiert und möglicherweise „neue Fragen stellt – und dies mit gutem Recht, wenn man, wie in der Altsprachendidaktik üblich, unter rezeptionsästhetischem Gesichtspunkt die Rezipienten (also Schüler und Lehrer) als relevante Größe bei der Arbeit an den lateinischen und griechischen Texten mitdenkt. Wie kann nun aber in den Fächern Latein und Griechisch der Aspekt der Interkulturalität thematisiert werden und wie kann hier interkulturelles Lernen angeregt werden?
Bildungspolitischer Hintergrund
Die Kultusministerkonferenz fordert in ihrem Beschluss „Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule aus dem Jahr 2013 – nach der ersten Empfehlung von 1996 bereits in zweiter Fassung –, dass Lernanlässe zum Erwerb interkultureller Kompetenzen gestaltet werden. Die Fähigkeiten, die Schülerinnen und Schüler erwerben sollen, um interkulturell handlungs- und urteilsfähig zu werden, werden in diesem Beschluss drei „Dimensionen interkultureller Erziehung und Bildung im Unterricht zugeordnet: „Wissen und Erkennen, „Reflektieren und Bewerten und „Handeln und Gestalten.3
KMK 2013: Dimensionen interkultureller Erziehung und Bildung im Unterricht
KMK 2013: Dimensionen interkultureller Erziehung und Bildung im Unterricht
Wissen und Erkennen:
  • Kulturen als sich verändernde kollektive Orientierungs- und Deutungsmuster wahrnehmen,
  • Entstehung und Wandel soziokultureller Phänomene und Strömungen analysieren,
  • Einfluss kollektiver Erfahrungen aus Vergangenheit und Gegenwart auf interkulturelle Begegnungen erkennen, insbesondere hinsichtlich der Entstehung von Fremdbildern.
Reflektieren und Bewerten:
  • eigene kulturgebundene Prägungen und Deutungsmuster sowie gegenseitige soziale Zuordnungen und Stereotypisierungen reflektieren,
  • Offenheit gegenüber Anderen und anderen Deutungsmustern entwickeln,
  • Widersprüche zu eigenen Deutungsmustern in der Kommunikation mit Anderen aushalten sowie soziokulturelle Entwicklungsprozesse aus mehreren Perspektiven betrachten.
Handeln und Gestalten:
  • Mitverantwortung für die Entwicklung gleichberechtigter Teilhabe im persönlichen, schulischen und gesellschaftlichen Bereich übernehmen,
  • bewusst gegen Diskriminierung und Rassismus eintreten,
Da einerseits interkulturelle Bildung als Querschnittsaufgabe aller Unterrichtsfächer verstanden wird und andererseits die Gestaltung der Lernanlässe im Sinne der „systematische[n] interkulturelle[n] Entwicklung von Schulen4 sowohl im Fachunterricht als auch in außerunterrichtlichen Aktivitäten stattfinden soll, wird an dieser Stelle bereits vorausgesetzt, dass die jeweiligen Fächer bzw. Fachdidaktiken, eine „interkulturelle Akzentuierung ihrer fachlichen Inhalte vorgenommen haben.6
Zur Umsetzung...

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