9. – 11. Schuljahr

Jolanta Aschenbrenner-Licht

Mensch und Natur im Mittelalter

Verehrung, Fürsorge und Nutzbarmachung

Natur als Schöpfung Gottes, der Ort, an dem Gott dem Menschen manifest wird, Natur als fragiler, dem Menschen von Gott anvertrauter Ort, für dessen Wohlergehen er Sorge zu tragen hat, und Natur als der Ort, den der Mensch nutzen muss, um sein Überleben zu sichern in diesen Bereichen ist das Naturgefühl des Menschen im Mittelalter zu verorten. Es wird hier anhand von drei Quellen vorgestellt und hinsichtlich seiner Bedeutung für unsere Gegenwart hinterfragt.

Im frühen fünften Jahrhundert begann der heilige Patrick die Iren zum Christentum zu bekehren. Eines Morgens begegnete er an einer Quelle bei Sonnenaufgang zwei Königstöchtern, die dorthin zum Waschen kamen. Die beiden Mädchen fragten Patrick, der an seiner Kleidung und am Bischofsstab als heiliger Mann zu erkennen war, neugierig nach dessen Gott aus:
Quis est deus? Et ubi est deus? Et cuius est deus? Et ubi habitaculum eius? Si habet filios et filias, aurum et argentum deus vester? Si vivus semper? Si pulcher? Si filium eius nutriverunt multi? Si filiae eius carae et pulchrae sunt hominibus mundi? In caelo an in terra est? In aequore, in fluminibus, in montanis, in convallibus? Dic nobis notiam eius. Quomodo videbitur? Quomodo diligitur? Quomodo invenitur? (Tirechan, Vita St. Patricii 26)
Natur der Ort, an dem Gott dem Menschen manifest wird
Patrick antwortete mit einem Lob des Schöpfergottes, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Alles sei von seinem Gott geschaffen und Gott sei allgegenwärtig. Er und sein Sohn lebten ewig. Sie lebten im Himmel und auf der Erde, unter der Erde, im Wasser, in den Bergen und Tälern. Er sei der Gott aller.1
Die Schaffung der Welt durch Gott und der Ursprung der Natur in Gott bedeutete für jeden gläubigen Christ – nicht nur des Mittelalters – eine deutliche Distanz zu den komplexen, verschiedene Erklärungsmodelle für Mensch und Kosmos sowie die Rolle des Menschen in der Natur bereithaltenden Philosophien der Antike und zu den Naturreligionen missionierter Völker. Die Schöpfung Gottes bedeutet für den Menschen aber auch Verantwortung. Denn geschaffen als Ebenbild Gottes habe er für die Erde und die auf ihr lebenden Geschöpfe Sorge zu tragen.
Die Vogelpredigt des Franziskus von Assisi (Material 1) und der Auszug aus der Vita des iroschottischen Abtes Columban (Material 2) zeigen deutlich die Bemühungen beider Heiligen, gemäß dieser Maxime zu handeln.
Franziskus von Assisi predigt den Vögeln
Thomas von Celano (ca. 1190 – ca. 1260) verfasste in den Jahren 1228 –1229 die erste Biographie des heiligen Franziskus (ca. 1181 – 1226). Er schrieb sie im Auftrag von Papst Gregor IX., durch den Franziskus kurz zuvor, im Jahre 1228, heiliggesprochen wurde.2 Dies war nicht selbstverständlich, denn eigentlich war Franziskus ein „verrückter Kauz. Die Vita beschönigt nichts: Franziskus, der als reicher Sohn in seiner Jugend im Überfluss schwelgt, mit seinen Kumpanen saufend und raufend durch die Straßen von Assisi zieht, wird durch Gefangenschaft, Krankheit und Traumbilder bekehrt; schließlich tauscht er seine prunkvollen Gewänder gegen einen Jutesack ein und zieht bettelnd und das Evangelium predigend durch Umbrien. Er predigt aber nicht nur Menschen. Der Glaube an die Gleichheit aller Geschöpfe vor Gott zeichnet Franziskus aus und so widmet er sich auch den Tieren. Aus seiner Liebe zu Gott und dessen gesamter Schöpfung leitet Franziskus seine karitative Fürsorgepflicht für die Menschen und Geschöpfe Gottes ab, die in seinen Augen alle Brüder und Schwestern sind. Als Bruder und Schwester bezeichnet Franziskus in seinem Sonnengesang auch die Sonne, den Mond und die Sterne. Der „Cantico delle Creature3 bzw. in seiner lateinischen Version das Canticum fratris Solis erinnert an das Lob Gottes durch den Iren Patrick. Bei beiden wird Gott als der Schöpfer gepriesen, der in allen Dingen der Sonne, dem Mond, den Sternen,...

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