10. – 13. Schuljahr

Katrin Stöppelkamp

ὁδὸς πρὸς τὴν ἀλήθειαν καὶ τὴν μακαριότητα

Prochoros Kydones und seine griechische Übersetzung von Augustins De vera religione

In spätbyzantinischer Zeit verfasste Prochoros Kydones (ca. 1330 – ca. 1370) eine griechische Übersetzung von Augustins De vera religione. Sie bietet Griechischschülerinnen und -schülern die seltene Gelegenheit, die griechisch-platonische Theologie eines lateinischen Kirchenvaters in einer griechischen Rückaneignung kennenzulernen.

Der um 1330 geborene Prochoros Kydones1 verbrachte viele Jahre als Priestermönch im Kloster der Großen Laura auf dem Berg Athos. Dort widmete er sich u.a. dem Studium der lateinischen Sprache und setzte sich mit den theologischen Autoren des lateinischen Westens, vor allem Augustinus und Thomas von Aquin, auseinander. In dieser Zeit sind vermutlich auch seine Augustinus-Übersetzungen entstanden. Neben De vera religione hat er auch die Schriften De libero arbitrio, De beata vita, Sermo de decem plagis et de decem praeceptis und einige Briefe Augustins übersetzt.
Dieser Blick über den eigenen Tellerrand wurde Prochoros jedoch zum Verhängnis. Denn im 14. Jh., zu Lebzeiten des Prochoros also, wurde die byzantinische Kirche vom sogenannten Hesychasten- oder Palamitenstreit erschüttert.2 Im Hesychasmus (von griech. ἡσυχία – Stille, Ruhe), einer speziellen Form der byzantinischen Mystik, sowie in der eng damit zusammenhängenden, von Gregorios Palamas in Auseinandersetzung mit seinem Opponenten Barlaam von Kalabrien entwickelten Theologie (Palamismus) wurde u.a. die Ansicht vertreten, dass etwas Ungeschaffenes und somit Göttliches wahrnehmbar sein kann.
Da für Hesychasten und Palamiten der Zugang zur Wahrheit, nämlich der Erkenntnis Gottes, auf kontemplativem Wege erfolgen sollte, lehnten sie die Verwendung philosophischer (mit anderen Worten: paganer) Methoden in der Theologie, wie sie beispielsweise Barlaam, aber auch Prochoros nutzten, rigoros ab. Eine Synthese von Philosophie und Theologie, wie sie in der Kirche des Westens praktiziert wurde, war daher in der orthodoxen Ostkirche nahezu undenkbar.3
1351 endete der Glaubensstreit mit dem Sieg des Palamismus. Der Patriarch Philotheos Kokkinos berief 1368 eine Synode ein und exkommunizierte Prochoros als Anhänger des Barlaam und aufgrund seiner philosophisch geprägten Theologie, die sich z.B. aristotelischer Syllogismen bediente. Nur etwa zwei Jahre nach dem Kirchenbann starb Prochoros.
Diese Anathematisierung ist wohl auch als Ursache dafür anzusehen, dass nur wenige Werke des Prochoros, sowohl eigene Schriften als auch seine Übersetzungen lateinischer Autoren, überliefert sind, und selbst diese in nur wenigen Handschriften und häufig fragmentarisch. Seine Übersetzung von Augustins De vera religione, überschrieben mit dem griechischen Titel Περὶ τῆς ἀληθοῦς θρησκείας, aus der nun ein Ausschnitt vorgestellt werden soll, ist beispielsweise lediglich in einer einzigen Handschrift erhalten und bricht in Kapitel 8,15 mitten im Satz ab.4
Zur griechischen Übersetzung des Prochoros
Prochoros Übersetzungsstil wird wegen seiner Wörtlichkeit und seines hohen Sprachniveaus gerühmt, aber es fallen zahlreiche Fehler in der Phonetik, Orthographie, Grammatik oder Akzentsetzung ins Auge.5 Der griechische Text ist von Lössl 2007, 262 – 279 ediert; der hier behandelte Ausschnitt findet sich ebendort 264 –267. Allerdings wurden aus der Handschrift übernommene Fehler und Uneinheitlichkeiten (vornehmlich Akzentsetzung sowie Vertauschung von Kurz- und Langvokalen) gegenüber der schulüblichen Orthographie, soweit von Gewicht, korrigiert bzw. angeglichen.
Didaktische Überlegungen
Der Prochoros-Text stellt eine fakultative Ergänzung zur lateinischen Augustinus-Reihe (vgl. den Beitrag „Si enim Plato ipse viveret …“ von Matthias Laarmann) dar. Sie richtet sich an Schülerinnen und Schüler aus Griechisch-Kursen der Oberstufe und beansprucht einen Zeitraum von etwa zwei Unterrichtsstunden. Die...

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