11. – 13. Schuljahr

Martin F. Meyer

Cicero in Athen

In De finibus bonorum et malorum nimmt Cicero den Leser mit nach Athen und lässt die Heimat seiner Philosophie lebendig werden. Welche Rolle Erinnerungsorte wie Platons hortuli oder das Grab des Archimedes für ihn spielen und welche Bedeutung die (Alte) Akademie einnimmt, erarbeiten die Schüler anhand von Auszügen aus De finibus und den Tuskulanischen Gesprächen.

Im fünften Buch von De finibus bonorum et malorum erinnert Cicero an seine Athener Studienzeit. Vor mehr als dreißig Jahren (79 v.Chr.) war er mit Verwandten und Freunden über Süditalien nach Hellas gereist. In Athen hörte er die Vorlesungen des Akademikers Antiochos von Askalon, außerhalb der Mauern besuchte er Platons alte Wirkstätte. Ciceros Schilderung ist ein persönliches Zeugnis. Es enthält Reflexionen zur Erinnerung und zur geistigen Situation der Akademie. Für den modernen Leser ist der Passus eine wichtige Quelle zum römischen Bildungstourismus im ersten vorchristlichen Jahrhundert und für Ciceros Kenntnis der griechischen Philosophie. Der Text von De finibus 5 führt ohne Umschweife nach Athen:
„Als ich damals, lieber Brutus, meiner Gewohnheit folgend in dem Gymnasion, das man das Ptolemäische nennt, mit Marcus Piso den Antiochus gehört hatte, und zugleich mit uns mein Bruder Quintus, Titus Pomponius und Lucius Cicero (der Verwandtschaft nach ein Vetter väterlicherseits, der uns verbindenden Liebe aber ein leiblicher Bruder), da verabredeten wir, am Nachmittag in der Akademie umherzugehen, vor allem, weil dieser Ort zu dieser Zeit von Gedränge frei ist. Deshalb trafen wir uns alle zu vereinbarter Zeit bei Piso. Von dort legten wir dann unter wechselvollen Gesprächen vom Dipylontor aus den sechs Stadien weiten Weg zurück. Als wir dann in den zu Recht berühmten Anlagen der Akademie ankamen, fanden wir dort wirklich die gesuchte Menschenleere. (Cic., Fin. 5,1)
De finibus bonorum et malorum
Cicero war 61 Jahre alt, als er De finibus bonorum et malorum von Mai bis Juni 45 v.Chr. diktierte. Wie alle seine philosophischen Schriften ist auch De finibus ein Spätwerk. Seit den 50er-Jahren war der Konsul des Jahres 63 politisch kaltgestellt. Nach zwei staatsphilosophischen Werken (De re publica, De legibus) entwarf er in rascher Folge sein philosophisches Œuvre: Von 46 bis 44 v.Chr. entstanden elf Schriften, die heute in 25 Büchern (unvollständig) überliefert sind. Ciceros Philosophie ist als eng verzahntes Programm geplant und ausgeführt (vgl. Patzig 1996, 253). Den Beginn des Curriculums markieren der verlorene Hortensius – eine Werbeschrift für die Philosophie – und die sogenannten Akademischen Bücher. In seiner Mitte steht die Ethik mit De finibus und den Tusculanischen Disputationen. Nach drei naturphilosophischen Schriften kehrt Cicero zur Ethik zurück. De finibus bonorum et malorum ist Ciceros frühstes ethisches Werk. Adressiert ist es an Junius Brutus (85 – 42 v.Chr.), mit dem Cicero engen Kontakt pflegte, Schriften und Briefe tauschte. Cicero widmete dem elf Jahre jüngeren Freund die rhetorischen Schriften Brutus und Orator. Brutus war ein Neffe von Cato d. J. Dem Onkel verdankte er seine rhetorisch-philosophische Bildung. Wie Cicero (und Varro) studierte Brutus in Athen bei Antiochos. Später nahm er Antiochos Bruder Ariston in Rom bei sich auf. Wenn Cicero zu Brutus über Antiochus spricht, erinnert er an den gemeinsamen Lehrer. Cicero und Brutus standen sich auch politisch nahe: Cicero beglückwünschte Brutus, als er im März 44 an Cäsars Ermordung mitwirkte. Die Bindung an Brutus spiegelt sich auch in der Komposition von De finibus wider: Die dramatis personae der Bücher 1 und 2 waren Brutus Freunde. Formal gesehen ist De finibus bonorum et malorum eine lange Rede; der Inhalt aber ist dialogisch konzipiert. Das Werk gliedert sich symmetrisch: Die Bücher 1 und 2 behandeln die Ethik der Epikureer; die Bücher 3 und 4 die Ethik der Stoiker. In den jeweils ersten Büchern werden diese...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen