11. – 13. Schuljahr

BORIS DUNSCH

Honesta bonis viris, non occulta quaeruntur

Der Ring des Gyges (Cic., Off. 3, 38f.)

Ciceros Adaption der platonischen Gyges-Geschichte und der Erzählung vom vollkommen Ungerechten und vollkommen Gerechten regen zu einer Reflexion grundlegender moraltheoretischer Fragen an. Ergänzende Texte aus der christlichen Antike und dem Humanismus demonstrieren die epochenübergreifende Relevanz der Thematik.

Zwar hat sich Cicero als Eklektiker mit vielen Philosophen beschäftigt,1 Platon aber, den deus ille noster (Att. 4,16,3), besonders verehrt. Quintilian hat ihn treffend als Platonis aemulus (Inst. 10,1,123) bezeichnet: In der Tat war Ciceros Platon-Rezeption intensiv und oft eigenständig und kreativ. Dies gilt auch für die Gygeserzählung, die er aus Platons Politeia für De officiis adaptiert hat. Sie ist aus sprachlichen und inhaltlichen Gründen für eine Lektüre ab der 11. Jahrgangsstufe geeignet2 und bietet den Schülern die Möglichkeit, grundlegende philosophische Fragen zu reflektieren, die in ihrem Alter von besonderem Interesse sind, wie die nach dem Verhältnis von Gerechtigkeit und Glück und die, warum man sich überhaupt moralisch verhalten soll.
Platons und Ciceros Gyges: ein Vergleich
Platon
Am Beginn des zweiten Buches der Politeia lässt Platon seinen Bruder Glaukon an Sokrates die Bitte richten, er möge überzeugender als zuvor gegenüber Thrasymachos begründen, warum die Gerechtigkeit der Ungerechtigkeit prinzipiell überlegen sei (358b – d). Dann formuliert er als Advocatus Diaboli gerechtigkeitsskeptische Thesen, die Sokrates zur Stellungnahme reizen sollen; zum Teil klingen sie wie Äußerungen des Sophisten Antiphon.3 Er beginnt damit, dass die Gerechtigkeit in der Mitte stehe zwischen dem größten Übel, dem Erleiden von Unrecht ohne Möglichkeit, sich zu rächen, und dem größten Gut, straflos Unrecht tun zu können. Sie werde von den Menschen nicht freiwillig geübt, sondern aus Eigeninteresse, um das Übel persönlichen Unrechtleidens zu vermeiden. Die Menschen übten sie nur aus Mangel an Möglichkeiten, Unrecht zu tun (Rep. 358e – 359b). Um seine These zu illustrieren, formuliert er ein Gedankenexperiment (359b – 360d). Man stelle sich vor, einem Gerechten und einem Ungerechten werde die gleiche Macht gegeben, alles zu tun, was er wolle, und man warte ab, wohin beide ihr Trieb lenke. Dann werde man sehen, dass der Gerechte aus Gier nach mehr, die allen angeboren sei, denselben Weg gehe wie der Ungerechte. Glaukon spitzt das Gedankenexperiment zu, indem er die Erzählung vom Ring des Gyges einschiebt (359c – 360b).
Cicero
Unter Bezug auf diese Gygesgeschichte bietet Cicero eine ähnliche, aber kürzere, teils anders akzentuierte Adaption der Erzählung in Off. 3,38f. (Material 1a , Text A; Aufg. auf Material 1b )4. Sie handelt von einem königlichen Hirten namens Gyges in Lydien. Als sich durch ein Unwetter die Erde auftut, steigt er in den Spalt hinab, findet ein (offenbar überlebensgroßes, als Totenhaus dienendes) bronzenes Pferd und stößt darin auf einen Toten von nie gesehener Körpergröße mit einem Ring am Finger, den er an sich nimmt. Er stellt fest, dass der Ring, am Finger gedreht, seinen Träger unsichtbar macht,5 und nutzt ihn, um die Königin zum Ehebruch zu verleiten, tötet mit ihrer Hilfe den König und übernimmt die Herrschaft. Es ist die Geschichte einer Usurpation, bei der Verbrechen begangen werden, die nicht nur straflos bleiben, weil man den Täter nicht identifiziert, sondern die ihm obendrein große Vorteile bringen.
Die Antike kannte auch andere Fassungen dieser Erzählung. Die bekannteste stammt von Herodot, eine Variante ohne Zauberring, mit Zügen einer erotischen Novelle (Hist. 1,7 – 14), die bis heute viel rezipiert wird.6 Die Gygesfigur selbst hat einen historischen Kern, den ersten König der Mermnaden-Dynastie in der ersten Hälfte des 7. Jh.s v.Chr., der in assyrischen Quellen Gugu von Luddu heißt.7
Vergleich
Aus Platzgründen können die anderen Fassungen...

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