10. – 13. Schuljahr

Matthias Laarmann

Plato amicus, sed Aristoteles quandoque magis amicus?!

Das aristotelische Höhlengleichnis bei Cicero, De natura deorum 2,95f.

Die Schüler befassen sich mit dem in De nat. deor. adaptierten aristotelischen Höhlengleichnis, die platonische Version dient als direkter Vergleichstext. Sie lernen dabei elementare Konventionen der antiken Literatur kennen und erkennen, wie Cicero den Subtext auf römische Belange zugeschnitten hat.

Das Höhlengleichnis, das Platon am Anfang des 7. Buches seiner Politeia (514a – 521b) von Sokrates vortragen lässt, ist heute einer der bekanntesten philosophischen Texte der Antike, ja der Philosophie überhaupt. Dessen phänomenale Rezeptionsgeschichte ist bis in die Gegenwart von zahlreichen Zitationen, Adaptionen, Variationen und Kontrafakturen begleitet, die in der Studie „Höhlenausgänge (1989) des Philosophen Hans Blumenberg (1920 – 1996) eine voluminöse und interpretationsergiebige Darstellung erhalten hat.1 Cicero, der erklärte Verehrer Platons (z.B. Ad Q. fr. 1,1,29: princeps philosophiae; Rep. 4,5: deus philosophorum)2, stellte seine Schrift De re publica, eines seiner Hauptwerke, bewusst in die Platon-Nachfolge und bezog dies ausdrücklich auch auf die Übernahme platonischer Erzählformen wie Mythen.3 Doch bedient Cicero sich an keiner (überlieferten) Stelle seines Œuvres des hoch prominenten platonischen Höhlengleichnisses! „Unter allen Platonzitaten und Platonanklängen bei Cicero ist nie von dem die Rede, was wir fürs Zentrum der platonischen Philosophie zu halten geneigt sind: vom Höhlengleichnis.4
Vielmehr ist Cicero der einzige Tradent des sogenannten aristotelischen Höhlengleichnisses (De natura deorum 2,95f., Material 1 ).5 Wahrscheinlich ein Teil des leider weitgehend verloren gegangen Dialogs Περὶ φιλοσοφίας, übernimmt dieser Text nun beim römischen Philosophen eine zentrale Funktion zur Begründung der staatlichen Verehrung der Götter in Rom. Im 2. Buch De natura deorum lässt Cicero den Stoiker Cotta einen unmissverständlich Aristoteles zugeschriebenen Text referieren, in dem „eine hypothetisch-irreale Aussage in ein anschauliches Bild6 eingekleidet ist. Dabei ist der Kontext unserer Stelle im Blick zu behalten, die Abwehr der epikureischen These von einem bloß zufallsbedingten Zustandekommen der realen Welt ohne göttliches Ordnungswirken (Nat. deor. 2,93).
Dem Platon-Verehrer Cicero fällt es prinzipiell nicht schwer, auch aristotelische Lehrstücke affirmativ aufzugreifen, vertritt er doch eine wohl von seinem Lehrer Antiochos von Askalon konzipierte Konkordanzthese,7 nach der Platon und Aristoteles trotz terminologischer Unterschiede substanziell dasselbe lehrten. Cicero inkludiert dazu auch noch die Stoiker, sodass eine große Gemeinschaftsfront gegen die kosmologisch, ethisch und theologisch suspekten, ja verachteten Epikureer aufgerichtet werden kann: Cicero, Lucullus 15: Plato reliquit perfectissimam disciplinam, Peripateticos et Academicos nominibus differentes re congruentes, a quibus Stoici ipsi verbis magis quam sententiis dissenserunt, ; Acad. 1,17: Platonis autem auctoritate, qui varius et multiplex et copiosus fuit, una et consentiens duobus vocabulis philosophiae forma instituta est Academicorum et Peripateticorum, qui rebus congruentes nominibus differebant.
Zum aristotelischen Höhlengleichnis
Der Text Nat. Deor. 2,95f. gliedert sich in drei Hauptabschnitte:
  • Schilderung der Ausgangssituation der unterirdisch Wohnenden (Z. 1 – 6a),
  • deren Aufstieg zur Erdoberfläche und Schilderung ihrer dort gewonnenen neuen Eindrücke (Z. 6b – 13a),
  • die Wiedergabe ihrer Auffassungen über die Ursachen des nun Gesehenen, besonders der kosmischen Phänomene (Z. 13b – 19).
Ein passender Einstieg für die Schüler zur Texterschließung wäre die Erstellung eines kolometrisierten Textes.
Für die inhaltliche Detailerschließung und thematische Fortführung werden in Kasten 1
Inhaltliche Erschließung und thematische Fortführung...

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