10. – 13. Schuljahr

Matthias Laarmann

„Si enim Plato ipse viveret …“

Augustinus zu den Möglichkeiten einer Selbstkorrektur des Platonismus und dessen Vollendung im Christentum

Augustinus Werk De vera religione ist ein Schlüsseltext für die Rezeption platonischer Themen und Denkfiguren im Christentum. Die Schüler lernen De ver. rel. 3,3 über einen Übersetzungsvergleich kennen und erarbeiten Unterschiede des christlichen und antik-paganen Denkens. Ein Vergleich mit dem Lied „I still havent found what Im looking for von U2 schlägt eine Brücke in die Gegenwart.

Platon sei die „reinste und leuchtendste Lehre der Philosophie, Plotin ein „wiedererstandener Platon,1 auch Platons Lehrer Sokrates besäße „hohen Ruhm des Lebens und Sterbens (Aug., Civ. 8,3).2 Mit derart emphatischen Worten stellt sich Aurelius Augustinus (354 – 430) in die Reihe all jener ihr Denken und Handeln auf Gott hin reflektierenden „Liebhaber der Weisheit (verus philosophus est amator dei; Civ. dei 8,1), denen im Gefolge Platons der Dienst an der ewigen Wahrheit der geistigen Welt das Allerhöchste ist.3
Augustin und seine Zeitgenossen wussten sich als rechtmäßige Erben der Lehre Platons und sahen sich daher in einem festen und dichten Kontinuum platonischen Denkens. Auch sie seien „Platoniker (Platonici) – ein Ausdruck originären Zugehörigkeitsbewusstseins bei spätantiken Denkern von Ammonios Sakkas bis Pseudo-Dionysius Areopagita.
Erst die Philosophiegeschichtsschreibung im letzten Drittel des 18. Jh.s prägte dafür den zunächst pejorativ besetzten Neologismus „Neuplatonismus. Eine Aufwertung dieser spätantiken Epoche brachte G.W.F. Hegel (1770 – 1831), für den der Neuplatonismus „ein Ruck des Menschengeistes, der Welt, des Weltgeistes darstellt, bei dem die neuplatonischen Philosophen „beim Ruck im innersten Heiligtum mit und dabei gewesen seien.4
Augustinus als Leser Platons
Durch wen und was wusste Augustinus über Platon? Denn Augustinus, der wohl erst im höheren Alter griechische Bibeltexte selbstständig lesen konnte, erwähnt nicht, dass er Texte Platons und der übrigen griechisch schreibenden Autoren, die libri Platonicorum, wohl nur oder ganz überwiegend aus den lateinischen Übersetzungen des Mailänder Neuplatonikerkreises um Ambrosius von Mailand (339 – 397) kennt. Das sehr umfängliche und vielschichtige Oeuvre Augustins lässt sich als permanente Relecture seiner intensiven antik-paganen Bildung im Spiegel seiner neu übernommenen christlichen Lebensform verstehen.
De vera religione
Augustins Werk De vera religione (verfasst 389 –391 n.Chr.) ist ein lateinischer Schlüsseltext für die Rezeption platonischer und nachplatonischer Themen und Denkfiguren im westlichen Christentum und allen damit verbundenen späteren Formen der Philosophie und Theologie. Unter anderem will Augustinus die Kompatibilität(en) des platonischen Denkens mit dem Christentum als der vera religio zeigen. Allerdings hält er den platonischen Philosophen kritisch ein historisch-ethisches Mischargument vor (De ver. rel. 1 – 2): Der Platonismus sei eine eher hypothetische Denk- und Lebensform, die bloß eine schmale Elite erreiche und inspiriere; vor allem habe er vergessen, die religiöse Praxis als wesentlichen Teil der Wahrheitssuche zu begreifen. Eine breite Verbesserung des Menschengeschlechts sei ausgeblieben und sogar Platoniker praktizierten die Kulte der unaufgeklärten Alltagsreligion.5 Dies ist nach Augustinus ein Selbstwiderspruch: unerleuchtete Praxis trotz erleuchteter Theorie. Das Christentum dagegen, am Rande des Imperium Romanum entstanden und von einfachen Menschen gelebt und verkündet, wirke gestützt von der auctoritas der Kirche überall. Gleichwohl bestehe allergrößte Nähe zwischen Christentum und Platonismus in metaphysischen Grundannahmen.
Nicht Mythos oder Volksreligiosität dürfen als vera religio gelten, sondern nur eine Religion, die dazu bereit ist, nicht nur ihre biblischen Ursprünge zu bewahren, sondern sich auch den platonischen...

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