8. – 13. Schuljahr

Heiner Koller

Metrik

Einführung und Behandlung im Lateinunterricht: ein Modell

Bei der Einführung und Behandlung von Metrik berührt man als Lehrkraft ein fast unüberschaubares fachwissenschaftliches Regelwerk.1 Die neueren Schulausgaben beschränken sich zwar immer mehr auf eine abgespeckte Variante der Metrikbeschreibung, doch auch hier muss sich die Lehrkraft fragen: Wie vermittle ich den Schülern diese Thematik? Wieviel Theorie ist möglich oder vielmehr nötig, damit die Schüler in der Lage sind, Verse zu analysieren und vielleicht sogar zu lesen? Und: Ist es überhaupt möglich, Schülern das laute Lesen lateinischer Verse beizubringen?
Im Folgenden soll ein Modell der Metrikeinführung vorgestellt werden, dass die letzte Frage eindeutig bejaht.
Übersicht: Metrik-Einführung
Übersicht: Metrik-Einführung
1. Schritt: Einstieg in das quantitierende Lesen (Erarbeitung)
Schüler erlernen durch Imitation das quantitierende Sprechen einzelner Wörter und Phrasen. Dazu wird mithilfe von Rhythmusinstrumenten oder einfachen Tanzschritten ein gemeinsamer Grundrhythmus erzeugt. Die Sitzordnung bzw. Aufstellung ist möglichst kreisförmig.
2. Schritt: Reflexion über Prosodie
Die zunächst offene Phase, in der die Beobachtungen und Wahrnehmungen der Schüler ausgetauscht werden, verdichtet sich am Ende auf die Fragen nach den Vokalquantitäten und nach der langen und kurzen Messung der Silben. Das Unterrichtsgespräch wird vom Lehrer an der Tafel mitprotokolliert.
Leitimpulse:
  • Beschreibt, was ihr beobachtet habt.
  • Was fällt euch an der Aussprache der Vokale auf?
  • Stellt begründete Vermutungen an, welche Silben kurz und welche lang sind.
3. Schritt: Übung und Ergänzungen zur Prosodie
Das Vor- und Nachsprechen ausgewählter Wörter und Phrasen wird nach dem Muster des 1. Schritts (oder etwas variiert) ganz von den Schülern durchgeführt. Das im 2. Schritt erstellte Tafelbild wird im Anschluss ergänzt oder korrigiert. Je nach Leistungsvermögen der Gruppe können bereits prosodische Abweichungen (z.B. muta cum liquida) thematisiert werden.
4. Schritt: Entdecken des Versrhythmus
In Kleingruppen versuchen die Schüler das Versmaß selbstständig zu erschließen. Als Hilfsmittel werden Rhythmusinstrumente verteilt. Enthalten die Verse Elisionen und Aphäresen, kann gegebenenfalls ein Textzettel verteilt werden, in dem diese eingeklammert sind.
Leitimpuls:
  • Findet das rhythmische Grundmuster der Verse heraus und versucht es bildlich darzustellen.
5. Schritt: Ergebnissicherung
Die verschiedenen Lösungen und Darstellungen werden an der Tafel gesammelt und diskutiert, wobei immer wieder Sprechbeispiele zur Überprüfung und Verdeutlichung herangezogen werden sollten. Am Ende der Phase steht ein Konsens über eine geeignete Abbildungsform des Versmaßes.
6. Schritt: Übung und Ergänzung
Das quantitierende Lesen zusammenhängender Verse wird möglichst abwechslungsreich geübt, auftretende metrische Probleme festgestellt, geklärt und notiert, notwendiges Fachvokabular ergänzt.
Man könnte sogar behaupten, dass die metrische Analyse nur dann ihre Berechtigung hat, wenn sie den Schüler auch in die Lage versetzt, das theoretisch Durchdrungene selbst zu erfahren. Denn römische Dichtung lebt in besonderem Maße von dem ihr innewohnenden Rhythmus, der sich dem Rezipienten erst durchs Hören offenbart.
Vorüberlegungen
Der Reim, für uns ein Hauptmerkmal gedichteter Texte, entfällt bei römischer und griechischer Metrik gänzlich.2 Dieser grundsätzliche Unterschied kann nicht genug herausgestellt werden (vgl. Tabelle 1 ). In ihm liegt nicht nur die größte Schwierigkeit bei der Metrikvermittlung, sondern auch ihr größter Reiz: der Andersartigkeit antiker Verse nachzuspüren und sie sogar zu erleben!
Altlast Versiktus
Dafür ist es erforderlich, mit einer „Altlast aufzuräumen, die im 17. Jh. zum vermeintlich leichteren Erlernen der Verse in die Klassenzimmer Einzug gefunden hat: der sogenannte Versiktus. Dieser didaktische Versakzent betont die...

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