5. – 13. Schuljahr

Andreas Hensel

Mit Schülerübersetzungen umgehen

Die Lernenden sollten die Übersetzungsarbeit als Höhepunkt der Textarbeit erleben. Neben dem traditionellen Übersetzungsgespräch werden hier weitere attraktive Methoden vorgestellt, Schülerübersetzungen zu präsentieren und sich abschließend mit ihnen auseinanderzusetzen.

Das Übersetzen gehört zum Kernbereich des Faches Latein; die Rekodierung stellt die anspruchsvollste Form der Dokumentation von Textverständnis dar. Aufgrund des hohen Anforderungsprofils (Anforderungsbereich III) ist eine gediegene methodische Gestaltung des Umgangs mit Schülerübersetzungen besonders wichtig.
Didaktische Überlegungen lateinische Texte übersetzen
In der bisherigen Tradition des Faches wurde das Übersetzen übergewichtig behandelt; in der neueren fachdidaktischen Diskussion erfolgt hier aus guten Gründen eine Relativierung und stärkere Einbettung des Rekodierens in die Handlungsfelder Dekodieren und Interpretieren.1 Gleichzeitig wird der Blick stärker darauf gerichtet, dass auch das Übersetzen ein vertieftes Textverständnis nachweisen muss und nicht etwa zur Kontrolle sprachlicher Kenntnisse missbraucht werden darf.
Das wichtigste Gebot beim Gestalten des Übersetzungsprozesses im Unterricht ist das der Transparenz. Schüler müssen wissen, für wen und mit welchen Zielen sie eine Übersetzung anfertigen. Daraus ergibt sich das Anforderungsprofil für diese anspruchsvolle Arbeit. Die Vorgaben für Übersetzungen im Schulunterricht sind eindeutig in den Lehrplänen und Richtlinien festgelegt:
  • Das Sinnverständnis hat Priorität vor der Strukturerfassung (der Übersetzer fungiert „ut orator, vgl. Herkendell AU 2003/3, S. 4 – 13).
  • Die Orientierung an der Zielsprache ist maßgeblich; die Übersetzung muss in angemessenem Deutsch, dessen Konventionen nicht verletzt werden dürfen, verfasst sein. Dafür benötigen die Schüler Fähigkeiten in den Bereichen semantische Modulation, syntaktischen Transposition, Substitution, Metakognition und kontextuellem Wissen (Textpragmatik usw.).2
Im Prozess des Aufbaus von vertieftem Textverständnis, dem erklärten Leitziel des Faches Latein, sollte das Übersetzen daher immer am Ende stehen; es schließt den Verstehensprozess, der mit Dekodierung und Interpretation beginnt, ab.
Es ist sinnvoll, mit Schülern möglichst frühzeitig über unterschiedliche Übersetzungstypen und -aufgaben zu sprechen; immer wieder sollte über den Rekodierungsprozess gemeinsam reflektiert werden. Eine gute Grundlage hierfür bildet die Typologie von Keip/Doepner 2010, 85ff., die drei Übersetzungstypen unterscheiden:
  • Typ I: die ausgangssprachlich orientierte Variante,
  • Typ II: die zielsprachlich angemessene Übersetzung und
  • Typ III: die wirkungsgerechte Übersetzung.
Methodische Anmerkungen zum Umgang mit Schülerübersetzungen
Traditionelle Übersetzungsgespräche sind oft mit Langeweile verbunden und bedeuten einen erheblichen Zeitaufwand, ferner besteht die Gefahr, den Inhalt des Textes aus dem Blick zu verlieren. Auch für den Lehrer sind solche Gesprächsphasen sehr anstrengend, muss er doch adhoc Fehlerquellen erkennen und analysieren sowie blitzschnell Rückmeldungen geben, und das, während sich permanent neue Fehlerstränge und -quellen auftun, weil jeder Schüler mit „seiner Version ins Gespräch drängt.
Stattdessen sollten Schüler die Übersetzungsarbeit und -besprechung als Höhepunkt und besondere Gestaltungsleistung zum Abschluss der Textarbeit erleben und die Rekodierung als komplexes Interpretationsprodukt erfahren können.
Die Erarbeitung von Übersetzungen
  • Grundsätzlich sollten Texte mittleren Schwierigkeitsgrades zielsprachlich angemessen übersetzt werden. Immer wieder kann der Blick dann davon ausgehend auf wirkungsgerechte Übersetzungen des Typs III gerichtet werden (etwa jugendsprachliche Versionen).
  • Es gibt verschiedene Orte, an denen das Übersetzen im Unterricht seinen Platz hat. Generell können nur bekannte Texte übersetzt werden. Den Schülern einen...

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