9. – 11. Schuljahr

Thomas Doepner

Mit Caesar über Ruhm und Ehre diskutieren

Kritische Wertediskussion in der Anfangslektüre Bellum Gallicum

Erfolgreicher Feldherr oder Kriegsverbrecher? Die Schülerinnen und Schüler führen vor dem Hintergrund ausgewählter Textstellen eine kritische Diskussion über die Werte, die Caesar den feindlichen und seinen eigenen Soldaten zuweist. Dabei erkennen sie die manipulative Struktur von Caesars Darstellung.

In der Fachdidaktik begründet man die Lektüre antiker Texte mit ihrer hohen Anregungsqualität, bezogen auf archetypische Grundsituationen des Menschlichen. Durch historische Kommunikation mit den Texten sollen heutige Leser mehr über die eigene Gegenwart erfahren. Hierzu stehen viele Verfahren und Konzepte der Interpretation und Auseinandersetzung zur Verfügung wie die Begriffe von Iso- und Allomorphie, existenzieller Transfer, Denkmodelle, rezeptionsästhetischer Zugang etc .1 Beispiele für diese Verfahren kommen aus den Bereichen Philosophie, Dichtung, aus historischen Texten, aus Ovids Metamorphosen, der Rhetorik etc. Caesar ist in der Regel nicht dabei – denn wie soll es auch gehen, die Vernichtung der Usipeter und Tencterer – 300.000 Personen, die Caesar überraschend und völkerrechtswidrig angegriffen hat und die er, Unbewaffnete, Frauen und Kinder, von seiner Reiterei in den Rhein treiben und dort ertrinken ließ – heute als Denkmodell mit Schülern zu thematisieren?2 Caesar ist ein gnadenloser Selbstdarsteller, der mit einem Partizip und einem minimalen Hauptsatz einen ganzen Gau der Helvetier auslöscht (BG 1,12,3: eos impeditios et inopinantes adgressus magnam partem eorum concidit), während die Rechtfertigung und ethische Stilisierung seiner eigenen Handlung ein halbes Kapitel verschlingt (BG 1,12,5 – 7: ita sive casu sive consilio deorum immoralium ea [pars civitatis Helvetiorum] princeps poenas persolvit qua in re Caesar non solum publicas, sed etiam privatas iniurias ultus est ). Drastisch auch die Vernichtung von Avarcium in BG 7,28,5 – ein Satz nimmt 40.000 Menschen das Leben, wobei Caesar noch das Entkommen einiger hervorhebt.
Laut Michael von Albrecht ist Caesar daher als Schulautor, besonders als Erstlektüre, problematisch, da er keine sittlichen Werte vermittelt, sie werden „zu bloßen Instrumenten seiner Erfolgsstrategie herabgewürdigt.3 Andererseits ist Caesar laut den Lehrplänen und Schulcurricula der dominierende Autor für Lateinschüler, oft die Erstlektüre, mitunter neben etwas Ovid und Cicero und ggf. ein wenig Catull die einzige Lektüre bis zum Latinum. Es geht also hier nicht um die Frage, ob man Caesar lesen muss oder darf, sondern nur darum, wie man ihn lesen sollte, um das Ziel einer historischen Kommunikation zu erreichen. Und dies muss mehr sein als die Entlarvung von Caesars Darstellung (Caesar „gegen den Strich lesen), denn ein bloßes Sachurteil (z.B. Caesar hat den Angriff gegen die Usipeter und Tencterer entgegen den antiken Regeln des Völkerrechtes geführt und versucht daher sehr geschickt, die Germanen als Angreifer darzustellen) führt noch nicht zur Beurteilung und Wertereflexion der Schülerinnen und Schüler.
Rahmenbedingungen einer Werte- und Normendiskussion bei Caesar
Dabei ist es nicht so, dass das Bellum Gallicum keine Wertbegriffe enthielte. Hier nur einige Beispiele:
  • Gegenüber Ariovist verteidigt Caesar die Freiheit Galliens (liberam debere esse Galliam, BG 1,42,3).
  • Bei der Behandlung der besiegten Nervier lässt er sich von misericordia leiten (BG 2,28,3).
  • Auch die Atuatuker appellieren an seine clementia ac mansuetudine (BG 2,31,4)
  • Die Legionäre sind voller virtus und trachten nach steter Pflichterfüllung für den Staat (z.B. BG 4,35,3: rei publicae atque imperatori officium praestitero).
Werte im Sinne von Zielvorstellungen der Lebensführung und Prämissen des moralischen Handelns und Normen als die ihnen korrespondierenden gesellschaftlichen Rollenerwartungen finden sich durchaus im Bellum Gallicum. Das...

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