8. – 10. Schuljahr

Wilfried Lingenberg

Sicherheit oder Freiheit?

Phaedrus Fabel von Wolf und Hund

Anhand der Fabel von Wolf und Hund beschäftigen sich die Schüler mit der Balance von Sicherheit und Freiheit, die sich an der politischen Entwicklung nach dem römischen Bürgerkrieg, aber auch in jeder modernen Gesellschaftsordnung bis hin zum Alltagsleben jedes Einzelnen beobachten lässt.

Phaedrus ist gewiss kein bedeutender Dichter gewesen – in Quintilians großem Literaturüberblick Institutio oratoria 10,  1,  46 – 131 kommt er nicht einmal vor –, aber die Fabel von Wolf und Hund (Phaedr. 3,7) überrascht nicht nur mit kunstvoller Dialogführung, sondern berührt auch sehr tief liegende Fragen, die damit zwanglos Eingang schon in den Lektüreunterricht der Sekundarstufe I finden können: Welche grundlegenden Ziele soll sich eine menschliche Gesellschaftsordnung setzen? Wie lässt sich das Verhältnis von Individuum zu Gesellschaft austarieren?
Lupus ad canem
Der lateinische Text (Material 1 ) bietet keine besonderen Schwierigkeiten.1 Bei der Interpretation hat die lebensnahe Ausgestaltung des Dialogs der beiden Tiere eine nähere Analyse verdient: Als der Wolf auf das unauffällige, aber verräterische Indiz des wunden Halses beim Hund aufmerksam wird, versucht dieser der Frage zunächst auszuweichen; offenbar ist ihm der Schwachpunkt seiner Position schon bewusst, und er weiß, dass dem Wolf die Antwort nicht gefallen wird. Ebenso sieht er, als der Wolf doch nachhakt, sofort ein, dass weiteres Ausweichen die Befürchtungen des Wolfes nur bestätigen würde, und verlegt sich auf eine andere Strategie: Er gibt in aller Kürze wahrheitsgetreu zu, dass er zeitweise angebunden wird (nicht ohne mit der Begründung quia videor acer zu suggerieren, dass man dies möglicherweise verhindern könnte, wenn man sich angepasster verhielte); dann wechselt er schnell das Thema und breitet noch einmal sehr ausführlich die Vorzüge seines Daseins aus. So geschickt das gedacht ist, so wenig lässt sich der Wolf davon ablenken; er stellt unbeirrt die Kernfrage: „Kannst du gehen, wohin du willst? Der Hund sieht nach zwei gut angelegten, aber erfolglosen Versuchen keine Möglichkeit mehr, um die eindeutige Antwort herumzukommen, und sagt, was er sagen muss. Die Reaktion des Wolfes ist trotzdem nicht etwa triumphierend oder belehrend, jedoch klar und bestimmt: „Jedem, was er mag; für mich ist das nichts.
Sicherheit ↔ Freiheit
Die Positionen der beiden Tiere veranschaulichen eine sehr fundamentale Antinomie, die jede Gesellschaftsordnung prägt: die Balance von Sicherheit und Freiheit. Ein Tafelbild, das diese Antinomie visualisiert, kann erst einmal vom Text ausgehen und die Vorzüge und Nachteile aus Sicht der beiden Fabelprotagonisten festhalten (kursive Einträge); im nächsten Schritt lassen sich allgemeinere Formulierungen ergänzen.
Die Diskussion kann an Beispiele auf verschiedenen Ebenen anknüpfen:
  • Der junge Mensch, der aus dem Elternhaus auszieht, erlebt einen erheblichen Zugewinn an Freiheit, macht aber gleichzeitig die Erfahrung, dass sich Essen nicht von selbst kocht, die Wäsche nicht von unsichtbaren Heinzelmännchen erledigt wird und möglicherweise der Magen knurrt, wenn man nicht rechtzeitig ans Einkaufen gedacht hat.
  • Bei der Gestaltung seines Lebensentwurfs sucht sich der Einzelne die für ihn passende Balance von Sicherheit und Freiheit. Der eine möchte sein eigener Herr sein, scheut das viel größere Risiko nicht und baut sich eine Existenz als selbständiger Unternehmer auf; dem anderen sind das geregelte Einkommen und die festen Arbeits- und Urlaubszeiten wichtig, er nimmt dafür in Kauf, sein ganzes Berufsleben lang auf fremde Anweisung hin zu handeln, und bleibt Angestellter.
  • Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene spiegelt sich die Antinomie in der Skala zwischen Liberalismus und Sozialismus wider, auf der sich zum einen jede politische Partei an einem mehr oder weniger genau bestimmten Punkt verortet; zum anderen muss sich auch jede...

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