9. – 13. Schuljahr

Rudolf Henneböhl

victa iacet pietas

pietas in Ovids Metamorphosen

Der zentrale römische Wertbegriff der pietas wird in diesem praktischen Unterrichtsvorschlag anhand dreier Erzählungen aus Ovids Metamorphosen (Tereus Prokne Philomela, Myrrha und Byblis) veranschaulicht. Im Vergleich mit dem pietas-Begriff bei Vergil und dem Werteschema des Vier-Zeitalter-Mythos zeigt sich, wie subtil und differenziert Ovid einen Wertediskurs führt und dabei Werte in einem inneren Drama gestaltet.

Der Wertediskurs in Ovids Metamorphosen erfolgt – im Gegensatz zu den meisten Formen der lateinischen Literatur – weniger offen und direkt, sondern subtil, häufig in versteckter oder indirekter Form. Der Mythos bietet die Gelegenheit, Werte anhand bestimmter Rollen und Charaktere und anhand des Verhaltens beispielhaft darzustellen, aber auch die Konsequenzen solcher Verhaltensweisen anschaulich vorzuführen.
Dabei verzichtet Ovid in der Regel auf eine direkte Moralisierung und bleibt in einem offenen Gespräch mit dem Leser über die Wertung des Erzählten. Haltung und Verhalten von Personen bilden allerdings die Grundlage für deren spätere Verwandlung, die insofern durchaus ein Werturteil zum Ausdruck bringt. Dies muss durch Interpretation erschlossen werden.
Spannend werden viele der mythologischen Erzählungen dadurch, dass Ovid den Wertediskurs nicht nur äußerlich führt (als rhetorische Debatte oder als Postulat), sondern dass er – anhand exemplarischer Dilemmata – die Grundlagen einer Wertentscheidung im Inneren des Menschen offenlegt und das innere Drama einer Entscheidungsfindung in psychologischer Deutung entwickelt. Dies soll am Zentralbegriff der pietas anhand von drei Beispielerzählungen (im Rückgriff auf Vergils Aeneis und auf den Mythos der „Vier Zeitalter bei Ovid) entfaltet werden.
Hinführung der Wertediskurs in der römischen Literatur
Dass Werte und Normen die Basis des sozialen und politischen Zusammenlebens bilden, kann man in der römischen Literatur als common sense ansehen. Bei Politikern wie Caesar, bei Rhetorikern wie Cicero, bei Historikern wie Sallust oder Tacitus, bei Philosophen wie Seneca, bei Biographen wie Nepos liegen die Wertbegriffe offen auf dem Tisch. Sie werden genannt und thematisiert, in historische Zusammenhänge und Traditionen eingeordnet, an historischen Exempla veranschaulicht, auf aktuelle Personen bezogen, als Schlagworte oder als Waffe (zur lobenden Hervorhebung ebenso wie zur Bloßstellung und Diskriminierung) in der aktuellen politischen Diskussion benutzt und verzweckt, sie sind mit anderen Worten sowohl Ausdruck als auch Mittel des sozialen Zusammenlebens und der Politik. Werte bilden das Fundament und die (teils pseudo-religiöse, teils ernsthaft ins Religiöse hineinreichende) Basis des Zusammenlebens (Sozialität) und des Staates (Politik und politische Verfassung).
Der mos maiorum als Norm
Sicherlich waren die in der römischen Geschichte tradierten Werte, der mos maiorum, der die Normvorgaben römischer Lebensweise umfasste, andere als die heutigen. Frieden und Freiheit galten nicht automatisch als Wert, eher als utopisches Wunschziel, und auch Werte wie Gleichheit, Brüderlichkeit oder Nächstenliebe (Solidarität), Erhaltung der Umwelt, Nachhaltigkeit und Ähnliches hatten praktisch keine Geltung oder waren noch gar nicht ins Bewusstsein gelangt.
Vor allem wurden Werte inhaltlich kaum entfaltet oder differenziert, sondern sie wurden personalisiert, d.h. an bestimmten historischen Exempla veranschaulicht und zur Nachahmung anempfohlen. Die pietas eines Aeneas, die virtus und disciplina eines Cato Uticensis, die magnanimitas eines Scipio, die ratio eines Caesar oder Augustus waren normbildend. All diese Werte aber blieben Stereotype (ähnlich wie in den Heiligenlegenden des Christentums).
Hinzu kommt, dass Werte in der römischen Literatur selten diskursiv behandelt wurden (mit einigen Ausnahmen in der philosophischen Literatur), dass Wertekonflikte (z.B. zwischen...

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