5. – 13. Schuljahr

Rainer Nickel

Werte oder nur Worte?

Diese Frage stellt sich immer dann, wenn man von Werten redet, aber nicht danach handelt, z.B. dabei ertappt wird, heimlich Wein zu trinken, während man öffentlich Wasser predigt. Man kann diesen Vorwurf als gegenstandslos zurückweisen, indem man feststellt, dass es in einer offenen Gesellschaft keine allgemein anerkannten und respektierten Werte geben kann. Um aber die Ausgangsfrage möglichst distanziert und unaufgeregt zu erörtern, richtet man seinen Blick am besten auf die antike Welt als das nächste Fremde, um zu erfahren, ob Werte oft wirklich nur Worte sind, und um Gründe dafür zu finden, wenn es so ist. Dass die Diskrepanz zwischen Worten und Taten nicht nur moralisch verurteilt wurde, sondern auch zur Rechtfertigung diente, veranschaulichen zwei prominente römische Dichter. Catull betont den Unterschied zwischen seinem Werk und seinem wirklichem Leben: Ein frommer Dichter muss anständig sein, seine Verse brauchen es aber nicht zu sein (castum esse decet pium poetam ipsum versiculos nihil necesse est; c. 16). Catull respektiert zwar die spezifisch römischen Werte castitas und pietas, seine Kunst entzieht sich aber dem moralischen Urteil. Auch Ovid versucht, seinem Leser klar zu machen, dass sich sein Lebenswandel von den Inhalten seiner Dichtung positiv unterscheidet: Crede mihi, distant mores a carmine nostro. Vita verecunda est, Musa iocosa mea (Tristien 353 – 354).
Während Catull und Ovid die Diskrepanz zwischen ihren Worten und Taten betonen, um sich gegen Missverständnisse zu wehren, erwidert Seneca einem fiktiven Kritiker seiner Philosophie, der ihm vorhält, dass seine Worte mit seinen Taten nicht übereinstimmten, dass man dies schon Platon, ebenso auch Epikur und Zenon vorgeworfen habe. Doch diese Männer hätten nicht von ihrem eigenen Lebenswandel gesprochen, sondern nur gesagt, wie sie selbst leben müssten. „Auch ich spreche nicht über mich, sondern über die Tugend als solche (De vita beata 18,1). Seneca scheint damit sagen zu wollen, man mache es sich zu leicht, wenn man die Diskrepanz zwischen Worten und Taten pauschal als Mangel an Authentizität verurteile. Das bloße Reden über erstrebenswerte Menschlichkeit sei sinnvoll – auch wenn man nicht entsprechend handele –, um die Maßstäbe nicht aus den Augen zu verlieren, ohne die man die alltägliche Unmoral nicht ertragen könne. Wenn man die Welt, wie sie sein soll, von der Welt, wie sie ist, unterscheidet, kann es den Fortschritt geben, den Seneca von seinem Adressaten erwartet (Ad Lucilium 20): Lucilius soll die Validität seiner Worte durch Taten beweisen (verba rebus proba) und in jeder Situation sich selbst gleich und derselbe sein und stets dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen, um authentisch zu sein. In Ciceros Augen war übrigens nur der ältere Cato ein in diesem Sinn authentischer Mensch, weil sein Leben mit seinem Reden übereinstimmte: orationi vita congruens (Rep. 2,1).
Werte im Wortschatz
Wertbegriffe sind ebenso wie ihr jeweiliges Gegenteil im einführenden Sprachunterricht gegenwärtig; sie gehören zum Grundwortschatz. Antike Autoren sortierten ihre Wertbegriffe oft zu Begriffspaaren in denen sich zwei annähernd synonyme Begriffe, gegenseitig erläutern und ergänzen: iustitia und pietas (Cic., Rep. 6,20); mansuetudo und clementia (Cic., Off. 1,88); moderatio und temperantia (Off. 1,103); fides und constantia (Cic., Fin. 3,1); stabilitas und constantia (Off. 1,47); gravitas und modestia (Off. 2,48); fortitudo und fides, fortis und fidus (Sallust, Cat. 20). Mitunter werden positiv konnotierte Begriffe und Begriffspaare mit negativ konnotierten konfrontiert: pro labore desidia, pro continentia et aequitate libido atque superbia (Cat. 2,5); pro pudore, pro abstinentia, pro virtute audacia, largitio, avaritia (Cat. 2,3). Die Arbeit am Wortschatz der Werte wird durch Definitionen erleichtert, wie sie z.B. Cicero für den Begriff der virtus vornimmt (Cic., De inv. 159 –...

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